Archiv für Januar 2008

Flughilfe für Social Enterpreneurs

Auch New York Times Kolumnist Nicholas D. Kristof verbrachte diese Woche in Davos. Was beeindruckte ihn am meisten? Die dort versammelten Social Enterpreneurs. Nicht nur, weil sie durchschnittlich halb so alt waren wie die anderen Teilnehmer, die Staatsmänner, Unternehmer und Berühmtheiten, sondern weil sie nicht darauf warten, dass die großen Institutionen die Dinge in die Hand nehmen. Sie packen sie einfach selbst an.

 

„In den 1960er“ – so der Journalist – waren die Bürgerrechter und die Anti-Kriegstprotestler vielleicht die bemerkenswertesten Amerikaner, die die Welt veränderten. In den 1980er Jahren faszinierten Unternehmer wie Steve Jobs und Bill Gates, die Firmen aufbauten und unseren Umgang mit Technologie revolutionierten. Heute sind die bemerkenswertsten jungen Leute die Social Enterpreneurs.“

Ashoka, die führende Organisation für den neuen Berufstand, definiert Social Entrepreneurs als Menschen, die auf dringende soziale Fragen antworten. „Sie arbeiten mit neuen, durchgreifenden Ansätzen daran, ein gesellschaftliches Problem dauerhaft und großflächig zu lösen. Das ist Inhalt und Ziel ihrer Arbeit – sei es im Bereich Bildung, Familie, Umweltschutz, Armutsbekämpfung, Integration oder Menschenrechte. Ihr Anliegen ist gemeinnütziger Natur.“    

Ich teile diesen Enthusiasmus für Menschen, die in ihrer Gesellschaft einen Missstand erkannt haben und sich aktiv und unternehmerisch dafür einsetzen, ihn zu beseitigen. Menschen wie die 28 jährige Sonam Choki  die in Bhutan die Choki Traditional Art School leitet, die erste gemeinnützige Kunsthandwerksschule Bhutans, in der nicht nur unterpriviligierten Kindern aus den ländlichen Regionen eine hervorragende Ausbildung in den Mal- und Schnitzkünsten vermittelt wird, sondern zugleich auch die traditionelle Kultur des kleinen Himalaya Königreiches erhalten wird. Sonam wuchs in einer kunstinteressierten und engagierten Familie auf – ihr Vater leitete eine Kunstakademie und erfreute sich der Unterstützung seiner Majestät Jigme Dorje Wangchuck. Ihr Bruder führt einen Laden für traditionelles Kunsthandwerk. Als wir die Schule im Jahre 2006 besuchten konnten nur Jungen aufgenommen werden. Seitdem hat Sonam jedoch den Bau eines Mädchenhauses in Angriff genommen, welches 2008 errichtet werden soll.  

Ein anderer sozialer Revolutionär ist Youchaou, Initiator der Mali Initiative, einer Organisation, die sich vorgenommen hat, den Armutskreislauf des westafrikanischen Landes zu durchbrechen, indem mehr Kinder eine Schulausbildung erhalten – momentan sind 4 von 5 Maliern Analphabeten. Youchaou hat selbst als Straßenkind angefangen, bekam dann jedoch die Chance eine Schule zu besuchen, in der er begeistert lernte. Er arbeitete sich zu einem angesehenen Übersetzer hoch, bevor er 2004 mit dem Bau einer Schule in Bamako begann, in der mittellosen Kindern durch die Vergabe von Stipendien der Schulbesuch ermöglicht wird. Mittlerweile gilt sie als eine der besten des Landes. 


Sozialunternehmer zeichnen sich durch Eigeninitiative aus – sie brechen den Kreislauf der Abhängigkeiten, der nur zu oft die westliche Entwicklungshilfe begleitet. Aber oft brauchen sie auch die aktive Unterstützung anderer. Sonam hatte Glück und fand David Bidwell von der Himalaya Youth Foundation
, der ihr mit Rat und Geld zur Seite steht. Youchaou in Bamako arbeitet mit Elise Klein und Jürgen Nagler zusammen, um seine Vision einer großflächigen Reform des malinesischen Schulsystems umzusetzen.

Wir bei betterplace wollen Initiativen wie diesen zum Fliegen verhelfen. Wie endet Kristof seine Kolumne? „There is no limit to the number of social entrepreneurs who can make this planet a better place.“

CSR im Mainstream

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Ob Marks&Spencer, Toyota, Hess Natur oder die Deutschen Post, immer mehr Unternehmen wollen ihr öffentliches Image als „guter Bürger“ aktiv managen. Business Schools erweitern ihre Lehrpläne um CSR-Kurse, Verlage werfen eine Vielzahl neuer Bücher mit Titel wie „Erfolgsfaktor Verantwortung“ und „Mit CSR zum Unternehmenserfolg“ auf den Markt. Und auch für Investoren spielt das soziale Engagement und Image der Unternehmen, an denen sie sich beteiligen, eine immer größere Rolle.

Die Auffassung, dass Unternehmen nicht nur Institutionen der Profitmaximierung sind, sondern als einer der wesentlichen Katalysatoren für weltweiten Wandel auch soziale Verantwortung tragen, ist mittlerweile im Mainstream angelangt. In einem Spezialreport analysierte jetzt der Economist das Thema Corporate Social Responsibility, kurz CSR, anhand einer Reihe von Fallbeispielen und aus diversen Perspektiven.

Während es bis vor kurzem noch ausreichend erschien einen kleinen Prozentsatz der Gewinne einem sozialen Zweck zukommen zu lassen, wollen Kunden und Investoren zunehmend genauer wissen, welchen Projekten ihr Geld eigentlich zugute kommt. Darüber hinaus haben Unternehmen erkannt, dass soziales Engagement sich hervorragend eignet, die eigenen Mitarbeiter zu motivieren und über gemeinsame soziale Aktivitäten ihren Teamgeist zu fördern. Doch auch wenn alle drüber reden, so wissen – laut Economist – die wenigsten Unternehmen, wie sie ihre CSR sinnvoll und effektiv gestalten.

“Too unfocused, too shotgun, too many supporting someone’s pet project with no real connection to the business”, ist das Fazit von Harvard-Ökonom Michael Porter, der in einem schon 2006 erschienenen, sehr lesenswerten Artikel beschreibt, wie gute CSR zu einem wichtigen Wettbewerbsvorteil werden kann.  

betterplace selbst nutzt CSR – aber als Geschäftsmodell. Da wir 100% der eingegangenen Spendengelder direkt an die Projekte weiterleiten und auch von den Projektverantwortlichen, die ihre Projekte auf der Plattform vorstellen, kein Geld nehmen, finanzieren wir uns über Leistungen, die wir Unternehmen verkaufen: wir beraten Firmen, wie sie ihre CSR sinnvoll gestalten, wir bringen sie mit ausgewählten sozialen Projekten zusammen und wir ermöglichen es ihnen, ihr Engagement auf betterplace zu präsentieren und so Kunden und Mitarbeiter nicht nur zu gemeinsamen Aktionen aufzurufen, sondern sie auch über die Plattform durchzuführen.

Ziel ist eine klassische Win-Win-Lösung: wir helfen Unternehmen ihre CSR-Aktivitäten aktiv zu gestalten. Im Gegenzug helfen Unternehmen uns, eine Plattform aufzubauen, auf der Menschen, die sich engagieren wollen, ihre Hilfe zu 100% den Menschen weitergeben können, die sie benötigen.

N.B.: Allerdings sind wir 3 Monate nach unserem Online-Launch noch nicht in der Lage dieses Modell vollständig einzulösen. Für die Startphase werden wir deshalb von einzelnen Menschen finanziell unterstützt, die zugleich auch operativ am Aufbau von betterplace beteiligt sind.

Die neuen Philanthropen

Neue sozio-kulturelle Trends gewinnen oft erst dann an Momentum und werden nachhaltig, wenn Rollenmodelle entstehen, die eine breitere Schicht von Menschen als nachahmenswert ansieht. Genau so eine Vorbildfunktion hatte der irische Wirtschaftsphilosoph Charles Handy im Kopf, als er in seinem neuesten Buch The New Philanthropists 23 Portraits von so genannten Neuen Philanthropen zusammenstellte.

 

Was ist neu an diesen Wohltätern? Nun, im Gegensatz zu vielen ihrer Vorgänger sind die meisten von ihnen Unternehmer, die mit relativ jungen Jahren viel Geld gemacht haben und nun versuchen, die gleichen Prinzipien, die sie in der Wirtschaftswelt erfolgreich gemacht haben, auf den zivilgesellschaftlichen Raum anzuwenden. Sie stiften ihr Vermögen nicht (nur), sondern initiieren und managen aktiv soziale Projekte.  

 

Darunter fallen sowohl solche Berühmtheiten wie Bono und Bill und Melinda Gates, aber auch viele andere, die eher unter dem Radar der Medienaufmerksamkeit agieren. Insbesondere diese sind in The New Philanthropists vertreten; Leute wie der irische Immobilienentwickler Niall Mellon der in südafrikanischen Slums mit Hilfe irischer Volontäre neue Wohnsiedlungen baut und Jeff Gambin, der Starkoch, der mit seiner Organisation Just Enough Faith die Obdachlosen Sydneys mit Mahlzeiten versorgt. Oder Michael de Giorgio, dessen Greenhouse Organisation unterpriviligierten Londoner Kindern den Zugang zu Sport eröffnet.

Die Interviewten zeichnen sich durch eine Mischung aus sozialem Engagement, Managementfähigkeiten und wirtschaftlichem Sachverstand aus. Die meisten der Initiativen wurden mit eigenem Geld gestartet, sollen sich jedoch ab einem gewissen Zeitpunkt selbst tragen und andere Finanzierungsquellen auftun. So überlegt Greenhouse ob sie ihr KnowHow Firmen zur Verfügung stellen, indem sie diesen kostenpflichtige Staff Sports Days oder Teambuilding Workshops anbieten.  Wie schon erwähnt geht es Handy darum, dass Leser sich mit den Portraitierten identifizieren und sagen: „Das mach ich auch“. Doch genau dieser Effekt traf bei mir nicht ein.

Woran lag das? Zum einen vielleicht daran, dass einiger der Portraitierten gar zu glatt einher kommen. Zum anderen hat es aber auch bestimmt mit der Tatsache zu tun, dass unter den 23 (meist britischen) Philanthropen nur zwei Frauen sind. Diese Gewichtung mag die real-existierenden Machtverhältnisse reflektieren (allerdings sind in den USA 51% aller Vermögenswerte in weiblicher Hand und die Zahl der weiblichen Philanthropen wächst), bei einem Buch welches neue Rollenvorbilder schaffen möchte, ist diese Fixierung jedoch unverständlich.

Jeder kennt die kürzlich verstorbene Anita Roddick, die Gründerin des Body Shops, die u.a. children on the edge gründete. Aber auch eine Frau wie Mahnaz Malik, die junge Pakistanisch-Britische Anwältin, die sich für unterprivilegierte Kinder engagiert und über die Advocate Foundation minderjährigen Gefängnisinsassen kostenlosen Rechtsbeistand bietet, hätte The New Philanthropists bereichert.

„Kreativer Kapitalismus“ – Bill Gates Königsweg zur Armutsreduzierung

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In seiner Rede auf dem World Economic Forum  in Davos forderte Bill Gates heute einen „kreativen Kapitalismus“. Unternehmen sollten, so Gates, Produkte und Dienstleistungen für die Armen entwickeln und damit eine doppelte Mission erfüllen: Profite erwirtschaften und die Lebensqualität von Menschen verbessern, die bislang von Marktkräften ignoriert werden. Zugleich warb er dafür, dass Unternehmen – unterstützt von staatlichen Anreizen – ihre erfolgreichen Geschäftsleute dafür einsetzen, sich mit den Bedürfnissen der Armen zu beschäftigen und kreative Marktlösungen zu entwickeln.

Gates greift damit die Thesen des indischen Wirtschaftswissenschaftlers C.K. Prahalad auf. Der hatte 2004 mit seinem einflussreichen Buch The Fortune at the Bottom of the Pyramid: Eradicating Poverty Through Profits anhand von zahlreichen Fallbeispielen argumentiert, ein Kapitalismus, der auf die Bedürfnisse der vier Milliarden Armen eingehe und ihre gebündelte Kaufkraft zu nutzen verstehe, sei der beste Weg zur weltweiten Armutsreduzierung.

betterplace.org und die Anderen – Online-Fundraising-Plattformen

Wenn man sich selbst beobachtet, kann man auch viel über die Anderen lernen (und umgekehrt). Wie Christian Henner-Fehr im Das Kulturmanagement Blog bemerkt, ist betterplace.org in Deutschland – soviel er und wir wissen – einzigartig. Weltweit sind wir jedoch nicht allein. Zum Glück. Vor allem in Nordamerika gibt es mehrere erwähnenswerte Online-Fundraising-Plattformen, zum Teil sogar inklusive Webcommunity. Danke an Das Kulturmanagement Blog für den Verweis auf Peter Deitz‘ Blog About Micro Philanthropy und die darin enthaltene Liste. Sind wir vergleichbar, hat sich an anderer Stelle schon mal Annika gefragt. Ich sage: klar, nur zu! Man nehme z. B. das im kanadischen Montreal beheimatete GiveMeaning. Wir sind uns ziemlich ähnlich, aber trotzdem grundverschieden. Interessant finde ich das Voting-System von GiveMeaning: 100 Menschen müssen hinter dem Projekt stehen und ihre Stimme abgeben, bevor das Fundraising starten kann. Dem Vorwurf der Voreingenommenheit will ich gar nicht widersprechen – aber ich finde betterplace einfach attraktiver.

Ortsbesuch: Ein betterplace-Projekt in Mali

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Wir (Lilian, Julius & Vico – alle bei betterplace-junior©) sind zurzeit in Mali, Westafrika. In Bamako haben wir eine Schule besucht, die sich ganz bald auch auf betterplace vorstellen wird: Sie ist das Vorzeigeprojekt der so genannten „Mali Initiative“. Gleich am zweiten Abend wurden wir von Jürgen Nagler abgeholt. Er ist Deutscher, der sich gemeinsam mit einer jungen Australierin für das Schul-Projekt engagiert. Der Hauptinitiator ist aber ein Malier, der selbst ein ehemaliges Straßenkind ist, sich dann aber als Lehrer und später als Übersetzer für internationale Organisationen hochgearbeitet hat und nun das hiesige Bildungssystem verbessern möchte (81% der Erwachsenen können nicht lesen und schreiben, 24% der Jungen und nur 12% der Mädchen gehen zur Schule. Mali ist das viertärmste Land der Welt. 70% der Bevölkerung leben von weniger als einem US$ pro Tag). Er heißt Youchaou Traore und hat uns seine Schule voller Stolz präsentiert. In seiner Schule sollen nicht mehr als 30 Kinder in einer Klasse unterrichtet werden, um Bildungsqualität zu garantieren. Das Schulgeld pro Monat pro Kind beträgt 10US$, aber auch das können sich viele Kinder aus dem Armenviertel nicht leisten. Die Kinder, die das nicht bezahlen können, werden entweder durch Stipendien oder durch Spendengelder unterstützt. Die Schule wird als einer der besten Schulen Malis angesehen.

Nach dem Schulbesuch wurden wir von dem Gründer der Schule zu sich nach Hause zum Abendessen eingeladen, wo wir auf dem Boden sehr leckeres malinesisches Essen gegessen haben.

Sobald „The Mali Initiative“ ihre Projekte auf betterplace.org veröffentlicht haben werden wir mehr davon berichten.

(Lilian Breidenbach & Julius Winckler)

Projekt der Woche: Lichtenberger Hilfe für Menschen e.V.

In Berlin brauchen immer mehr Menschen Kleider- und Lebensmittelspenden. Seit 2005 bietet die Lichtenberger Hilfe für eine „Spende“ von 0,90 € Nahrungsmittel und Kleidung für bedürftige Menschen. Nicht nur Lichtenberger kommen in den Laden in Alt Friedrichsfelde 8B. Auch aus anderen Bezirken kommen Menschen, um das Angebot zu nutzen. Doch nur wer ausgewiesen bedürftig ist, kann dort einkaufen. Immerhin 1.179 Familien – ca. 5.000 Personen – profitieren so von dem Engagement des Vereins (Berliner Kurier). Peter Wöhler, ehrenamtlicher Geschäftsführer der Lichtenberger Hilfe erhielt dafür bereits zwei Auszeichnungen des Bezirks Lichtenberg – zum einen die Bürgermedaille und zum anderen den Generationenpreis.

Auf betterplace.org bittet die Lichtenberger Hilfe um Kleider- und Lebensmittelspenden. Und jeder kann helfen. Haben Sie Kleidung im Schrank, die Sie schon mehr als 2 Jahre nicht mehr getragen haben? Kennen Sie einen Supermarkt, der Lebensmittelspenden geben könnte? Kontaktieren Sie Herrn Wöhler unter http://www.betterplace.org/projects/84