Design für die anderen 90%

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“The majority of the world’s designers focus all their efforts on developing products and services exclusively for the richest 10% of the world’s customers. Nothing less than a revolution in design is needed to reach the other 90%.”
(Dr. Paul Polak, International Development Enterprises) 

Eines der Themen, die ich momentan am spannendsten finde, sind die zahlreichen neuen Produktideen, die sich an die „anderen 90%“ der Menschheit widmen. Letztes Jahr brachte das Cooper Hewitt National Design Museum in New York eine Ausstellung und einen lesenswerten Katalog dazu heraus. Auch das Buch der engagierten non-profit Organisation Architecture for Humanity – Design Like You Give A Damn – hält viele Inspirationen für kostengünstige Produktinnovationen für Märkte bereit, die bislang in Folge ihrer niedrigen Kaufkraft links liegen gelassen wurden.  

Viele dieser Innovationen basieren auf selbsterzeugter Energie. So erfreuen sich aufziehbare Radios (nachdem sie in den 1990er Jahren zuerst belächelt wurden) großer Beliebtheit in Regionen, in denen Batterien zu teuer und Elektrizität nicht vorhanden ist.

Gerade auf dem Licht- und Solarsektor tut sich einiges. Jüngst entwickelte die Freeplay Foundation Laternen, die nur eine Minute aufgezogen werden müssen um 2 Stunden Licht zu erzeugen. Für afrikanische Bevölkerungen, die teilweise 10-15% ihres Monatseinkommens für Kerosin, Kerzen und Feuerholz ausgeben, werden gerade eine Reihe von aufziehbaren LED-Laternen konzipiert, die – zum Teil von Freeplay Foundation Botschafter Tom Hanks unterstützt – in den nächsten Monaten in Kenia und Südafrika testweise auf den Markt kommen werden. Mehr kostengünstiges Licht ermöglicht es Menschen, nach Einbruch der Dunkelheit zu lernen, in medizinischen Notfallsituationen besser ausgerüstet zu sein und ihre Läden später am Abend zu betreiben.

Auch der Economist griff letzte Woche einen Bericht aus Science über eine Bottom-of-the-Pyramid (BoP) Innovation auf: den „Energie-Ernter“. Das Gerät, das wie ein orthopädischer Knieverband aussieht, führt die beim Laufen erzeugte Energie einem Generator zu, mit dem z.B. Batterien wiederaufgeladen werden können.

Viele der BoP Produkte werden mit speziellen Finanzierungsmodellen an Bevölkerungsgruppen unter der Armutsgrenze vertrieben. So entwickelte der Inder Harish Hande mit seiner Firma SELCO Solar Lights ein System von günstigen Krediten, mit denen sich selbst die unter der Armutsgrenze lebende indische Landbevölkerung seine Solarleuchten leisten kann. Der Unternehmer wurde dafür dann auch 2007 mit dem Social Entrepreneur Award 2007 der Schwab Foundation ausgezeichnet.

Zum anderen kennen die Produzenten ihre Kunden gut. Zu viele der herkömmlichen Designs, die sich an die „anderen 90%“ richten, sind in den Produktentwicklungs- und Designabteilungen westlicher Firmen entstanden, ohne die Lebensumstände der Zielgruppe wirklich zu kennen. Die neue Generation von BoD Unternehmern versetzen sich dagegen in die Lage ihrer neuen Kundengruppe und analysieren deren Bedürfnisse und Lebensbedingungen.

Die kanadische Firma Environfit (Motto: Learn, Act, Donate) beispielsweise schickte Marktforscher in ländliche Gebiete des Südens um einen neuen umwelt- und gesundheitsfreundlichen Kochherd zu konzipieren. Verrauchte Hütten stellen eines der großen Gesundheitsprobleme dar: die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass jährlich  1.6 Millionen Menschen an den Folgen des giftigen (kohlenmonoxidhaltigen) Rauchs sterben. Da zugleich die Hälfte der Weltbevölkerung und 80% der Landbevölkerung  mit traditionellen Öfen kochen, sah Environfit (in Kooperation mit der Shell Stiftung) eine Marktlücke für neuartige saubere Keramiköfen. Die Marktforscher analysierten die Koch- und Lebensgewohnheiten unterschiedlichster Bevölkerungen. In welchen Stellungen wird gekocht – sitzend, stehend – hockend? Welche Farben werden bevorzugt? Mit wie viel Kochtöpfen wird auf einmal hantiert? Alle diese Faktoren flossen in die Produktion des neuen Herds ein. Er soll  zuerst auf dem indischen Markt ausprobiert werden und kostet zwischen 10 – 200 US$.

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