Besser Reisen

 Vico, Flori, Lilian und Juli in einer Kneipe in Rocinah, Rio de Janeiro

Als ich vor zwei Jahren mit ein paar Freunden und unseren Kindern in Rio de Janeiro war, machten wir eines Tages einen Ausflug nach Rocinha, Rios größte Favela. Am Abend vorher hatten wir alle in unserem wundervollen Bed&Breakfast in Santa Theresa, City of God gesehen – quasi als Einstimmung auf die Favela-Tour.

 

An diese Tour, quer durch die schmalen Gassen mit den wahnwitzigen Häusern, bei denen immer noch ein Stockwerk auf das andere gesetzt worden war, an das Chaos der Elektrokabel, die sich durch die Luft schwangen, an die Frauen, die sich in der kargen Kirche versammelt hatten, musste ich vor kurzem denken, als ein Artikel in der New York Times die Frage aufgriff, ob solche Ausflüge in die Slums sinnvoller Tourismus oder Voyeurismus sind. 

 

Slum Tourismus ist ein neuer Trend. Wer von uns möchte schon zu den schlechten Touristen zählen, die im all-inklusive Hotel den Tag in der prallen Sonne herumliegen? Immer mehr Menschen sehnen sich nach authentischen Einblicken in fremde Lebenswelten – und Ausflüge auf mexikanische Müllhalden, in brasilianische Favelas und indische Slums scheinen gerade das zu bieten. Angefangen hat der Trend vor 16 Jahren in eben diesem Rocinah, als Marcelo Armstrong Favela Tours gründete.

 

Die Gegner des neuen Nischentrends, der durch eine stetig wachsende Anzahl von Reiseunternehmern gefüttert wird, kritisieren die Touren als ausbeuterisch. „Wie fänden Sie es, wenn täglich mehrere Leute vor Ihrer Haustür stehen, ein paar Fotos machen und ihren Lebensstil kommentieren würden“, zitiert die NYT einen kanadischen Professor für Tourismus und Umwelt. Der tiefere Zweck dieser Ausflüge sei doch sowieso nur, dass sich die Reisenden in ihrer eigenen Überlegenheit bestätigt sähen.

 

Andere widersprechen: Sie sehen im Tourismus eine der wenigen Möglichkeiten, Einblicke in andere Leben zu erhalten und vor allem sich auch der Armutskluft greifbar bewusst zu werden.

 

Auch ein anderer neuer, benachbarter Tourismustrend ist umstritten: immer mehr Menschen wollen in ihren Ferien in einem sozialen Projekt mitarbeiten. Meine Freundin Nico (von smart-travelling) schleppte ihre Familie Anfang dieses Jahres in ein Projektdorf in Kerala. Webseiten wie Travelworks.de oder Reiseführer wie Hands-on Holidays listen Hunderte von sozialen Projekten – von Ausgrabungsferien in Peru bis Mitarbeit in einem Dorfzentrum in Kenia. Auch hier beklagen Kritiker, dass Touristen in vielen dieser Projekte eher Mehrarbeit verursachen, als das sie in 1 oder 4 Wochen einen konstruktiven Beitrag leisten können.

 

Für uns bei betterplace sind Projektbesucher – Einheimische und Auslandsentsandte, ebenso wie durchreisende Touristen – wichtige Bestandteile des Web of Trusts. Wir möchten betterplacianer ermutigen Projekte, die sich auf der Plattform präsentieren, zu besuchen und darüber in Wort und Bild zu berichten, um anderen (potentiellen) Unterstützern ihre Auswahl zu erleichtern und die Bewertung von Projekten transparenter zu machen. Ermutigen wir damit einen gefährlichen oder degradierenden Voyeurismus?

 

Ich denke, das Entscheidende bei diesen Fragen ist nicht, OB man eine Favela, ein Projektdorf oder eine soziale Initiative besucht, sondern WIE man dies tut. Slum-Tourismus mit, von den Einheimischen akzeptierten, respektvollen Führern, kann der Schwarz-Weiß-Malerei der Medien über „soziale Brennpunkte“ entgegenwirken und zeigen, dass das Leben in Slums sich in vielem nicht grundsätzlich von anderen Leben unterscheidet und Armut nicht automatisch mit Leid und Unglück gleichgesetzt werden kann.

 

Ebenso möchten wir auf Menschen, die betterplace-Projekte besuchen, nicht verzichten. Muss es nicht vielmehr darum gehen, diese Begegnungen so respektvoll wie möglich zu gestalten?

 

Eine Richtschnur wie man sich auf Reisen – ob im In- oder Ausland, im Slum oder anderswo – verhalten sollte, verdanke ich Hannelore aus unserem Team. Die Zwölf Goldenen Regeln für Auslandsreisende – stammen übrigens aus dem Jahr 1955. Hier eine kleine Auswahl:

5. Kleide Dich so, dass Dich niemand bemerkt, aber setze Dir keinen Fez auf.

6. Singe gern, wenn man Dich darum bittet, aber singe nur dann!

9. Was Dir bei fremden Völkern merkwürdig vorkommt, bemühe Dich zu verstehen. Gelingt Dir das nicht, so suche den Grund dafür zuletzt bei den anderen.

P.S. Ich habe mich schon immer gefragt, wie es kommt, dass Zeitschriften so oft die gleichen Themen behandeln – schreiben sie voneinander ab oder liegen bestimmte Themen einfach in der Luft? Nun, während ich über Slum-Tourismus bloggte, schrieb Line in Palma auf unserem englischen betterplace blog über Philanthropischen Tourismus. Hey Line – Telepathie!  

5 Responses to “Besser Reisen”


  1. 1 richpoint 21. Oktober 2008 um 22:51

    Moralisch können Slum-Touren nur dann gerechtfertigt werden, wenn auch die Bewohner der Elendsviertel von den touristischen Einnahmen profitieren. Dazu müssen die Veranstalter mit den Einheimischen zusammen arbeiten.
    Genauso wichtig – wenn nicht noch wichtiger – ist ein Punkt, der im Artikel angesprochen wird, nämlich das „wie“: unerlässlich ist eine kompetente Führung, die vor allem ortskundig, also auch mit den Menschen vor Ort vertraut ist. Eine kompetenter Führer ist in der Lage, die Sicht der Slum-Bewohner zu schildern und die Touristen über die eigene kulturelle Prägung ins Bilde zu setzen. Nur so können negative Auswirkungen (psychologisch und interkulturell) vermieden werden. Nur so kann eine Brücke geschlagen werden zwischen Slumbewohnern und Touristen, zwischen Arm und Reich.


  1. 1 Reisende besuchen betterplace Projekte « betterplace.org de Trackback zu 15. November 2008 um 18:00
  2. 2 Reisende besuchen betterplace Projekte | Neuigkeiten-Blog Trackback zu 20. September 2012 um 19:03
  3. 3 Reisende besuchen betterplace Projekte (Neuigkeiten von betterplace.org) Trackback zu 11. Oktober 2012 um 15:53
  4. 4 Reisende besuchen betterplace Projekte (Neuigkeiten von betterplace.org) Trackback zu 5. November 2012 um 11:16

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