Archiv für Mai 2008

Studenten der HfG und UdK: Klo-Design zwischen Karlsruhe und Berlin

Kleiner Zusatz zum Workshop mit Jack Sim, Werner Aisslinger und der Gruppe Design-Studenten am vergangenen Dienstag:

Johannes Boie hat über das betterplace Gemeinschaftsprojekt und den ‚Toilet Man‘ Jack Sim (Boie: „…obwohl er ein Problem hat – vieles von dem, was der Mann sagt, klingt zum Lachen.“) für jetzt.de einen sehr schönen Artikel geschrieben.

Ich bin sehr gespannt, wie sich die Zusammenarbeit der jungen Designer um Werner Aisslinger (Hochschule für Gestaltung, Karlsruhe) und Axel Kufus (Universität der Künste, Berlin) gestaltet. Und noch gespannter auf das Klo-Design / Design-Klo. Zwei Semester haben die Studenten der HfG und UdK dafür Zeit.

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Warum müssen Klos sexy sein?

Jack Sim, Joana Breidenbach und Werner Aisslinger mit Designstudenten beim WTO-betterplace Workshop

Die letzten drei Tage hatten wir Besuch aus Singapur. Jack Sim, Gründer der World Toilet Organisation war nach Berlin gekommen, um zwei Workshops zu bestreiten.

Nachdem ich im Februar die WTO bei einem Besuch in Singapur knapp verpasst hatte, waren wir per email in Kontakt geblieben. Deepa, Jacks Mitarbeiterin hatte zwei gute Projekte auf betterplace veröffentlicht, von dem uns besonders das Projekt Toiletten für 2.6 Milliarden Menschen begeisterte und anspornte es besonders zu unterstützen.

Das Problem
2.6 Milliarden Menschen leben ohne Toiletten. Als Tabu-Thema findet es jedoch nicht die nötige Beachtung. Massive soziale und gesundheitliche Probleme sind die Folge: Mädchen gehen nicht nur Schule, da sie dort keine Toiletten vorfinden, in tropischen Ländern stellen Frauen 24 Stunden bevor sie auf den Markt gehen, Essen und Trinken ein, um unterwegs nicht in unangenehme Situationen zu kommen. Zudem sterben jährlich mehr als 5 Millionen Menschen an Krankheiten, die auf unzureichende Sanitäranlagen zurückzuführen sind, während Flüsse und Grundwasser durch einfließende Fäkalien verseucht werden.

Ein Markt für Toiletten
Da der Sanitärnotstand nicht über Spendengelder und die herkömmlichen Instrumentarien der Entwicklungshilfe gelöst werden kann, verfolgt die World Toilet Organisationen einen marktwirtschaftlichen Ansatz, d.h. sie betrachtet die 2.6 Milliarden toilettenlosen Menschen als potentielle Kunden. Bis vor kurzem wurden die Menschen am sogenannten „Ende der Wohlstandspyramide“ (Bottom of the Pyramid, d.h. Menschen, die zwischen 1-2 US$ am Tag verdienen) als Kunden ignoriert. Mittlerweile jedoch interessieren sich immer mehr Unternehmen, ebenso wie Hilfsorganisationen für diese Bevölkerungsgruppe, die zwar wenig individuelle Kaufkraft haben, durch ihre Masse aber als Marktsegment auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten von Interesse ist. 

Der WTO-Ansatz sieht die Produktion und den Vertrieb von erschwinglichen, anspruchsvoll designten öffentlichen Toiletten vor, die den Betreibern durch Außenwerbung und Nutzungsgebühren einen Verdienst einbringen. Durch eine geschickte Verbindung aus zentralen und dezentralen Produktions-, Vertriebs- und Unterhaltungsformen soll es möglich sein, sowohl lokale Besonderheiten und Standortvorteile mit einzubeziehen, als auch von globalem Knowhow und Massenproduktionsvorteilen zu profitieren.

Der Projekt-Inkubator
Unsere Idee war es die WTO mit dem Designer Werner Aisslinger und seinen Studenten an der Hochschule für Gestaltung zusammenzubringen, um preiswerte aber gut designte Toiletten zu gestalten. Zu dem Workshop kamen dann neben den 8 Studenten aus Karlsruhe auch noch eine Handvoll Studenten von Axel Kufus von der UdK, Berlin. Während der dreistündigen Orientierungssession mit Jack Sim erhielten die Studenten nicht nur einen grundlegenden Einblick in die vielen negativen Folgen des Sanitärnotstands, Jack erklärte auch, wieso Design so wichtig ist.

Warum müssen Klos sexy sein?
Denn Toiletten können für viele Arme keine Priorität haben und rationale Argumente für deren Erwerb und Nutzung laufen oft ins Leere. Deshalb ist Jacks Strategie Klos als Statussymbole zu vermarkten und den Armen zugleich mit Außenwerbung und Benutzergebühren die Möglichkeit geben, mit ihnen Geld zu verdienen.

Ich fand die Diskussion mit den Studenten extrem anregend und interessant. Sie diskutierten über reisende Toilettengussformen ebenso wie über religiöse und kulturelle Besonderheiten und Copyrightstrategien (die Klos sollen nach Jack share ware und nicht rechtlich geschützt sein). Um die Diskussion fortzuführen und die benötigten Produktdesigns zu konkretisieren trafen sich die Studenten am nächsten Tag nochmals mit Jack in Werners Studio.  

Dort fand auch der abendliche Workshop mit Vertretern aus der Industrie (Daniel Wall, Wall AG), Entwicklungszusammenarbeit(Sören Rüd, gtz) und Politik (Dr. Uschi Eid) statt, bei dem Jack nochmals seine Vision erläuterte. Ullrich Krauss vom Zagreus Projekt hatte sich bereit erklärt den Abend kulinarisch zu begleiten und Lotta, Jakob, Philip, Vico und Amos von betterplace junior legten einen perfekten Service hin. Euch allen vielen Dank!

Der Kickoff ist getan, nun geht es darum, die vielen gesponnenen Fäden und Pläne weiterzuentwickeln. Jack, wieder in Singapur, füttert uns mit konkreteren Informationen zu möglichen Geschäftsmodellen für ein Toiletten-Ikea und sucht best practice Beispiele. Werner und betterpace bauen eine Kommunikations- und Arbeitsstruktur für die Designstudenten auf. Man hört Berichte über einen neuen Toiletten-Designpreis und erste interessierte Investoren für ein neues Toilettenbusiness für „die anderen 90%“ haben sich gemeldet. 

DZI Spendeninfo für Birma – Katastrophenhilfe kommt an

Das deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (dzi), das Auskunft gibt über die Seriosität und Glaubwürdigkeit gemeinnütziger Spendenorganisationen gibt, hat eine Liste der Hilfswerke veröffentlicht, die im Bezug auf die Katastrophe in Birma als besonders förderungswürdig gelten: Care Deutschland Luxemburg e.V., die Organisation, mit der wir unsere Hilfaktion durchführen, gehört dazu.

Care gehört übrigens zur Aktion Deutschland hilft, einem Zusammenschluss deutscher Hilfsorganisationen, die im Falle großer Katastrophen gemeinsam schnelle Hilfe leisten. Hier könnt Ihr ein kurzes Video der Organisationen direkt aus dem Katastrophengebiet in Birma ansehen:

Video Birma Zyklon Nargis

Helft Birma!

Gemeinsam mit der Hilfsorganisation Care starteten wir vor einigen Tagen eine Hilfsaktion für die Überlebenden des Zyklons in Birma, bei dem Schätzungen zufolge etwa 100.000 Menschen ums Leben gekommen sind. 1,5 Millionen unmittelbar Betroffene kämpfen mit den Folgen der Katastrophe. Bei Spiegel-Online las ich gerade, dass erste Fälle von Cholera aufgetreten sind.

In wenigen Tagen wurden bei betterplace 5.600 Euro für Überlebenspakete gespendet! Und wir stehen mit der Aktion erst am Anfang.

Natürlich werden wir gefragt, ob die Hilfe über betterplace auch tatsächlich ankommt – berechtigterweise, denn die Militärjunta Birmas behindert nach wie vor die Hilfe internationaler Organisationen.

Mit Care haben wir einen zuverlässigen Partner gefunden: die Organisation ist mit 500 Mitarbeitern direkt im Katastrophengebiet. Alle Spendengelder, die über betterplace zusammen kommen, werden entweder in Deutschland für medical kits ausgegeben, die dann nach Birma transportiert werden – oder das Geld wird nach Birma transferiert, und von Care-Kollegen vor Ort für die Beschaffung von Hilfsgütern auf dem lokalen Markt ausgegeben.

Frau Marxen, Referentin bei Care, meint dazu: Grundsätzlich ziehen wir es vor, die Hilfsgüter nach Möglichkeit vor Ort zu beschaffen, um zum einen Transportkosten zu sparen und zum anderen, was auch ganz wichtig ist, die lokalen Märkte zu stärken.“

Frau Marxen versorgt uns täglich mit aktuellen Informationen aus dem Gebiet. Hier könnt ihr nachlesen, wie die Hilfe vor Ort vorangeht. Weiterlesen ‚Helft Birma!‘

Kurswechsel in China

Mein blogpost über Zyklon Nargis in Birma endete mit der Frage, wieso China – der engste politische und wirtschaftliche Partner des Militärregimes – sich nicht aktiv bei der Nothilfe beteiligt und damit sein arg geschädigtes internationales Image aufbessert. Einen Tag später brach in der Provinz Sichuan das Erdbeben

aus, welches bislang 15.000 Tote gefordert hat, viele von ihnen Kinder (und das in einem Land, in dem die meisten Familien in Folge der Ein-Kind-Politik nur ein einziges haben).

 

In der Vergangenheit hat die chinesische KP sich sehr ähnlich verhalten wie jetzt die birmesische Junta: Naturkatastrophen wurden vor der eigenen Bevölkerung geheim gehalten. Als 1976 ein massives Beben in der ostchinesischen Stadt Tangshan wütete, bei dem mehr als 240.000 Menschen starben, spielte die herrschende Viererbande die Tragödie herunter, lehnte jede Hilfe von außen ab und überließ die Bergungsarbeiten armselig ausgestatteten Soldaten. Erst drei Jahre später wurde die Zahl der Opfer bekannt gegeben. Aber auch noch vor wenigen Jahren, 2003 beim Ausbruch der SARS Epidemie, wurde die Bevölkerung von offizieller Seite über einen langen Zeitraum im Dunkeln gelassen.

 

Umso mehr überrascht die Offenheit und Effizienz mit der die Regierung Wen Jiabaos jetzt agiert: der Premierminister flog keine vier Stunden nach dem Beben selbst ins Gebiet, lief über Trümmerhaufen und sprach Verschütteten durchs Megaphon Mut zu. Innerhalb von 36 Stunden waren 120 Zivile Rettungsteams und 60 Bulldozer aktiviert – welch Unterschied zu Birma, wo wir hören, dass im Irriwaddy-Delta fast keine Bergungs- und Hilfsmaßnahmen erkenntlich sind! Im chinesischen Fernsehen läuft eine Sondersendung nach der anderen, Auslandskorrespondenten können frei berichten.

 

Die KP hat offenbar die Chance erkannt, sich innen- und außenpolitisch zu profilieren, indem sie sich von Birma abgrenzt. Die schnelle und zupackende Reaktion hat dann auch dazu geführt, dass chinesische Chatrooms voller Lob für die eigene Regierung sind und der BBC bemerkt, die chinesische Regierung würde wesentlich kompetenter handeln als die Regierung Bush beim Hurricane Katrina.  

Protest im Käfig

Chun mit dem chinesischen Verhaltenskünstler YeFu wähernd ihrer Woche im Käfig

Letzten Monat verbrachte die chinesische Tänzerin Chunhong Wang, die ihr Pekinger Therapiezentrum Good Gifted Garden auf betterplace (und nur dort!) präsentiert, eine Woche mit ihrem Freund, dem bekannten Verhaltenskünstler YeFu in einem Käfig/Kokon, der an der Außenseite des Huantie Time Art Museum hängt. YeFu lebt seit Februar dort und wird noch bis zum August dort bleiben. Während ihres Aufenthalts verweigerte Chun jede Nahrung. Dies ist, was sie über ihre Aktion schrieb:

Für mich war diese Woche eine gute Möglichkeit die öffentliche Aufmerksamkeit auf das Schicksal autistischer Kinder zu lenken und darauf hinzuweisen, dass Kunst und Tanztherapie effektive Mittel sind um Autismus zu behandeln. Austisten haben so viele Talente und schlußendlich können wir auch wirklich etwas von ihnen lernen. Wir müssen sie akzeptieren und mit ihnen arbeiten, wir müssen an ihre Kreativität glauben, dann können sie aus dem Kokon entkommen, wie ein wundervoller Schmetterling.

Es gab viele Gründe für mich in dieser Woche nichts zu essen. Aber ich wollte der Welt zeigen: Wir haben alle viel Macht, wenn wir nur an das was wir tun wirklich gflauben. Ich glaube an autistische Kinder, an Kunst und Tanztherapie. Wir haben noch einen langen Weg vor uns. In China ist das alles völlig neu, aber ich halte an meiner Vision fest: Autisten sind nicht verrück, nicht dumm. Sie sind sehr intelligent, kreativ und sensible. Wir müssen nur eine Beziehung zu ihnen aufbauen.

Hölle in den Zeiten der Junta*

Die Nachrichten über den Zyklon Nargis in Birma lassen einen nicht mehr schlafen. Sie machen traurig und extrem wütend. Vor einem Monat erst bin ich mit meinen Kindern und Freunden durch Birma gereist, z.T auch in den jetzt betroffenen Gebieten und Lilian und Vico sagen diese Tage immer wieder: „Da waren wir doch erst gerade“ und „wenn wir ein paar Wochen später gefahren wären …“

Die Zahl der befürchteten Opfer ist mittlerweile auf 100.000 gestiegen – und selbst jetzt – fast eine Woche nachdem der Wirbelsturm entlang des Irrawaddy-Deltas wütete, werden die Hilfsangebote der internationalen Gemeinschaft von der arroganten und machtbesessenen birmesischen Militärjunta massiv behindert. Helfer warten vergebens auf ihre Visa, Flügzeuge mit Hilfsgütern dürfen in Rangun nicht landen. Ein Sprecher des Welternährungsprogramms, bezeichnete die Visa-Verweigerung als „beispiellos“ in der Geschichte der Katastrophenhilfe.

Das Land selbst ist von den unzähligen herumliegenden, verwesenden Toten und der nun drohenden Seuchengefahr und Hungersnot völlig überfordert. 1.5 Millionen Menschen brauchen Nahrungsmittel, Trinkwasser, Decken, Zelte und Medizin. Alleine kann Birma, eines der ärmsten Länder der Region, eine solche Krise nicht meistern. Zumal die Militärs, die letzten September, als es galt, friedlich protestierende Mönche zu erschießen, auf den Straßen des Landes omnipäsent waren, plötzlich nirgends zu sehen sind.

Das paranoide nur am eigenen Machterhalt interessierte Regime der Generäle hat Angst vor amerikanischen Militärflugzeugen auf birmanischem Boden – sie befürchten eine potentielle Invasion der USA und so erhielten gestern auch nur wenige Flugzeuge der UN und des Roten Kreuzes eine Landeerlaubnis für Rangun. Nun hört man, dass Frankreich und die USA den UN Sicherheitsrat einschalten wollen, um die Birmesen zu zwingen Helfer ins Land zu lassen.

Warnung ignoriert

Zu der Empörung über die Junta trägt bei, dass Indien Birma 48 Stunden im Voraus vor dem Zyklon gewarnt hat. Wenn die Regierung diese Warnung schnell aufgegriffen und verbreitet hätte, hätten unzählige Leben gerettet werden können.

Aber Than Shwe nimmt wahrscheinlich den Rat seiner Wahrsager ernster als den eines meteorologischen Instituts. Der birmesische Staatschef – wie auch schon seine Vorgänger – ist bekannt dafür, wesentliche politische Entscheidungen dem Übernatürlichen zu überlassen. So ließ er 2005 den Sitz der Regierung von Rangun ins 300 km entfernte, neugegründete Naypyidaw verlegen, nachdem ein Wahrsager blutige Unruhen für Rangun vorausgesagt hatte. Auch das heutige Referendum wird nicht verschoben – weil ein Astrologe das Datum als besonders glückbringend errechnet hat.

 

Wo landen die Hilfsgüter?

Frustrierend, insbesondere für Spendenwillige, ist auch die Frage, ob Hilfe im Land überhaupt effektiv verteilt wird. Bislang hört man, dass die Ladungen der Flugzeuge, die in Rangun landen durften, dort festgehalten werden. So hat die Junta gestern fast 40 Tonnen Nahrungsmittel des WFP in Rangun beschlagnahmt. Das Militär verweigert die Einreise ausländischer Helfer, mit der Begründung, es wolle und könne die Hilfslieferungen selbst verteilen.

 

Das mag glauben wer will und dementsprechend zögerlich laufen die Spenden in Deutschland auch an. Hatten Deutsche nach der Tsunami 2006 innerhalb kürzester Zeit 670 Millionen Euro für die Nothilfe und den Wiederaufbau gespendet, so sind, laut Aktion Deutschland Hilft, dem Dachverband von 18 Hilfswerken, bislang erst mehrere Zehntausend Euro zusammengekommen.  

 

Die Organisationen, die schon mit Mitarbeitern im Land etabliert sind, haben in dieser Situation einen großen Vorteil. Care International, die sich seit 14 Jahren im Land engagieren, scheint eine der ersten zu sein, die Soforthilfe leisten können, da sie schon 500 Mitarbeiter im Land haben.

 

Wo sind die Nachbarn?

Jeder der schon mal in Birma gewesen ist, wird das große wirtschaftliche Engagement der Nachbarn, wie Thailand, Indien und China, aufgefallen sein; sie fördern Öl und Gas, bauen Supermarktketten auf und investieren in die touristische Infrastruktur.

Aber wo ist die thailändische und chinesische Katastrophenhilfe? Gerade China profiliert sich seit einigen Jahren als neuer Entwicklungspolitischer Player weltweit. Was läge in dieser Situation näher – zu einer Zeit als China im Vorfeld der Olympischen Spiele so massiv unter Beschuss ist – als sich als Wohltäter zu präsentieren, der dort effektiv Hilfe leisten kann, wo anderen der Zugang verwehrt wird?

 

*Sepia Mutiny