Volunteering – „Lebensgefühl NGO“

Spätestens seitdem das Bundesentwicklungsministerium Anfang des Jahres den Freiwilligendienst Weltwärts ins Leben gerufen hat, zieht es Heerscharen von jungen Deutschen in die Länder des Südens. 70 Millionen Euro stehen für diesen größten Freiwilligendienst Europas zur Verfügung, bis zu 10.000 Freiwillige zwischen 18-28 Jahren können fortan kostenfrei ein Jahr indische Slumbewohner unterstützen, im Niger Giraffen schützen oder peruanische Umweltprojekte begleiten.

Der Run auf die Programme ist gewaltig: Auf 100 Plätze der Weltwärts-Partnerorganisation American Field Service bewarben sic 1400 Freiwillige, beim Deutschen Entwicklungsdienst (DeD) kamen auf 275 Plätze 1300 Interessenten. Entwicklungspolitisches Engagement ist in.

Wer braucht unqualifizierte Helfer?

Doch wie sinnvoll ist dieses Engagement junger Deutscher, die als Qualifikation gerade mal ihren Schulabschluss vorzuweisen haben? Und wem nutzt es wirklich? Den lokalen NGOs, der bedürftigen lokalen Bevölkerung – oder nur den Jugendlichen selbst, die aus den Kinderzimmern kommend ein Abenteuer erleben?

Die von Florian Töpfl für das Magazin der Süddeutschen Zeitung  -„Egotrip ins Elend –interviewten Experten und Nichtregierungsorganisationen, stehen den Freiwilligen durchweg kritisch gegenüber:  Die Berliner Politikprofessorin Claudia von Braunmühl ist über Weltwärts „entsetzt“ und hält die Initiative für grenzenlos populistisch, weil sie kaum frage: „Was brauchen die Menschen in diesen Ländern wirklich?“ Auf keinen Fall unqualifizierte Helfer. In der jetzigen Form erinnere das Programm an Dschungel Camp Shows auf den Privatsendern.

Die kambodschanische NGO Friends, die in Phnom Penh mit 240 kambodschanischen Mitarbeitern 10 Lehrbetriebe für marginalisierte Kinder betreibt und bei der täglich Ausländer vorbeikommen, die ihre kostenlosen Dienste anbieten, lehnt unqualifizierte Helfer ebenfalls ab. „Die halten unsere Kinder nur vom Lernen ab“. Zudem gab es eine Menge Probleme mit Pädophilen. Auch Chris Minko, der in Kambodscha eine nationale Volleyball-Liga für behinderte Sportler aufbaute, um Landminenopfer und Polio-Geschädigte in die Gesellschaft zu integrieren, verzichtet ebenfalls auf Freiwillige. „Die Probleme in Entwicklungsländern sind so verdammt komplex – die kann niemand in 12 Monaten kapieren“, sagt er. Kulturadequates Verhalten lernt man nicht von heute auf morgen und eine Freiwillige, die ihren Laptop an einen der Mitarbeiter verschenkt und damit unwissentlich den Neid aller anderen Helfer provoziert, kann eine ganze Organisation in Unruhe versetzen.

Ausländische Freiwillige als Prestigeobjekte

Wenn sie schon nicht wirklich für die Arbeit eingesetzt werden können, so werden Freiwillige von vielen lokalen NGOs gerne als „Prestigeobjekt“ eingesetzt um z.B. an ausländische Spender heranzukommen. In vielen Ländern des Südens sind NGOs einer der wenigen, wenn nicht sogar der lukrativste Beschäftigungszweig – alleine in Kambodscha sind 300 internationale und 1000 lokale NGOs tätig. Da ist es oft nicht leicht zu unterscheiden welchen Interessen die Arbeit dient: der Hilfe für Bedürftige oder dem Profit und Selbsterhaltungstrieb ihrer Gründer.

Spoiler am Heck eines getunten Lebenslaufs

Fazit des Artikels: Diejenigen, die von den Freiwilligenprogrammen am meisten profitieren sind die Freiwilligen selbst. Sie bekommen nicht nur ein 10tägiges Vorbereitungsseminar, gefolgt von einem zweiwöchigen interkulturellen Training und sind während des ganzen kostenlosen Aufenthalts vollständig abgesichert. Sie erwerben darüber hinaus auch für ihren Lebenslauf Pluspunkte. Personalchefs stehen den Auslandsaufenthalten positiv gegenüber, erwerben die potentiellen Bewerber doch persönliche Reife und (inter)kulturelle Kompetenz.

Wenn Freiwilligendienste jedoch „Spoiler am Heck eines getunten Lebenslaufs“ sind und sehr viel mehr lernen, als das sie selbst helfen – warum kommen dann die Millionen für das Weltwärts Programm aus dem Entwicklungshilfe-Etat und nicht aus dem des Bildungsministeriums?

Aber das ist eine Frage, die man in der Entwicklungspolitik sich nur allzu oft stellen kann, kommen doch viele Maßnahmen mehr den eigenen Bürgern und Unternehmen zu gute, als den Ländern, denen sie eigentlich helfen sollen.

Bitte stärker differenzieren!

Mein Fazit: eine kritische Hinterfragung des neuen Hobbys Volunteering ist angebracht: Viel zu viele Menschen fahren mit sehr naiven Vorstellungen zu sozialen Projekten, in der Meinung, diese hätten nur auf sie gewartet. Dabei spiegelt sich zum Teil auch das alte Überlegenheitsgefühl der westlichen Welt wieder: wir wissen, was ihr braucht. Wir können Euch helfen.

Diese Haltung verkennt, das Menschen vor Ort oft die besten Kenner ihrer Probleme, Bedürfnisse und Interessen sind und die Lösungen auch schon parat haben. Doch für viele von diesen Lösungen kann eine zusätzliche Unterstützung durch externe Ressourcen (Geld, Zeit, Expertise) nicht nur sinnvoll, sondern gelegentlich auch notwendig sein. Ich denke dabei an Projekte wie dieses.

Ebenso geht das Argument, nur ein jahreslanges Verweilen in einer Gesellschaft könne zu kulturadäquatem Verhalten führen, über das Ziel hinaus: Natürlich kann man solches auch bei kürzeren Auslandsaufenthalten erlernen. Dies ist weniger eine Frage der Aufenthaltsdauer, als vielmehr einer generellen, oft individualpsychologisch begründeten, Sensibilität für neue kulturelle Kontexte.

1 Response to “Volunteering – „Lebensgefühl NGO“”


  1. 1 Adina 19. Juli 2008 um 10:44

    Der Freiwilligendienst auch in Ländern des Südens ist nicht ganz so neu. Seit etlichen Jahren zieht es junge Leute für längere Zeit in die Welt. Bisher konnten sich meist Jugendliche mit entsprechendem sozialem Hintergrund diese für sie persönlich wichtige und, wie Joana schreibt, für den Lebenslauf und die Karriere relevante Erfahrung leisten. Klartext: Kids mit begüterten Elternhäusern – „Gestatten: Elite“… Das BMZ-Programm ermöglicht dies nun auch für Jugendliche, die bisher aus finanziellen Gründen außen vor bleiben mußten, sicher aber genauso geeignet oder ungeeignet für ein Auslandsjahr waren/sind. Soweit das Plus für „Weltwärts“. Nun aber kommt die Entsendeorganisation ins Spiel, die Jugendliche in Auslandsprojekte vermittelt. Hier gilt es, genauer hinzusehen. Wie werden die Jugendlichen ausgewählt, wie vorbereitet, welche Kriterien werden an die Freiwilligen und an die Projekte angelegt? Wie sieht es mit der Partizipation der Partnereinrichtung in Ghana oder Bolivien aus, wenn es um den Einsatz von Freiwilligen geht? Wie in dem von Joana zitierten Artikel beschrieben, ist vieles davon mehr als fragwürdig und abenteuerlich. Ein Positivbeispiel in dieser Landschaft ist übrigens WISE e.V., die ihre Freiwilligen sehr sorgfältig auswählen, schulen und in enger Kooperation mit den gastgebenden Einrichtungen betreuen.
    Mancher deutsche Träger, vor allem etablierte Entsendeorganisationen, die mit Entwicklungszusammenarbeit nicht unbedingt inhaltlich zu tun haben sondern tatsächlich seit Jahren vom Business des Freiwilligeneinsatzes gut leben, sieht nun „Weltwärts“ als zusätzliche Einnahmequelle, denn die Zuschüsse sind beträchtlich – wenn auch nur lukrativ und interessant für ohnehin finanziell potente. Kleine NRO ohne finanzielles Polster haben auch hier wieder kaum eine Chance, weil trotz Zuschuß erhebliche Eigenmittel vorzuschießen sind.
    Was mich bei der ganzen Sache neben der Gutmenschenideologie am meisten stört, ist die programmierte Einbahnstraße. Deutsche fördern, damit sie sich einen Traum erfüllen, soziale und interkulturelle Kompetenz schulen – das ist drin. An ein Reverseprogramm denkt das BMZ dabei (noch?) nicht wirklich. Mir würde es viel besser gefallen, mindestens die Hälfte der Mittel aus „Weltwärts“ dafür einzustellen, dass NRO und Initiativen, die nachhaltige Projekte im Süden z.T. seit Jahren unterstützen und zu ihren Partnern feste Beziehungen auf Augenhöhe unterhalten, die Möglichkeit bekommen, fitte Menschen aus dem Süden für einige Monate zu Praktika nach Deutschland zu holen. Sie könnten dann ihre Kompetenzen für nachhaltige Projektarbeit hier erweitern, die Arbeitsbedingungen ihrer deutschen Partner kennenlernen, einen Einblick in die komplizierte Förder- und Spendenlandschaft bekommen, erleben, wie Deutschland „tickt“ und illusionäre Vorstellungen gegen sachliche Informationen austauschen. Solcherart geschulte junge Menschen aus „Entwicklungsländern“ bringen auch den Projekten dort letztlich mehr als tausende gutwillige deutsche Abiturient_innen. Was die EZ braucht, sind einheimische Fachleute mit weltweitem Horizont in Afrika, Amerika und Asien.


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