CSR bei betterplace – elektronischer Ablasshandel oder sinnvolle Stärkung sozialen Engagements?

Vor Kurzem erhielten wir bei betterplace eine Reihe empörter mails von einer Projektverantwortlichen, die ihr Projekt unbedingt sofort von der Plattform entfernen wollte, weil Care International gemeinsam mit dem Emergieversorger Vattenfall auf betterplace für die Opfer des Wirbelsturms in Burma Spenden sammelte. Mit dem Betreiber von Atom- und Kohlekraftwerken wollte die Projektverantwortliche, die eine Solarenergie-Initiative in Kamerun unterstützte, keine Plattform teilen. Letzte Woche dann wies mich Aishah auf eine Reihe von blogposts auf Utopia hin, die Vattenfall, neben anderen prominenten Unternehmen, wie BP und BMW, ebenfalls des schamlosen greenwashings bezichteten. 

Die Diskussion, mit welchen Unternehmen betterplace.org als Kunden zusammenarbeiten sollte und mit welchen nicht, taucht so in regelmäßigen Abständen immer wieder in unserem Team auf.

Unser Geschäftsmodell basiert auf der Kooperation mit Unternehmen …

Unser Geschäftsmodell beruht darauf, dass wir – um unsere Plattform nachhaltig betreiben zu können und 100% der Spenden an soziale Initiativen weiterleiten können – Unternehmen als Kunden gewinnen, die auf betterplace.org ihr unternehmerisches, soziales Engagement transparent darstellen und andere Stakeholder, seien es ihre Mitarbeiter oder Kunden, zum Mitmachen auffordern können.

Immer mehr Firmen weltweit, auch in Deutschland, sehen soziales Engagement als Chance sich als „guter Bürger“ zu positionieren. Sei es, das sie, wie die Berliner Stadtreinigung sich für die Ausbildungschancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund einsetzen oder das sie, wie Vattenfall im eingangs beschriebenen Fall,  Mitarbeiter aufrufen, sich in der Katastrophenhilfe zu engagieren.

… helfen wir ihnen beim greenwashing?

Wahrscheinlich hätte niemand im Team damit ein Problem, die CSR-(Corporate Social Responsibility) Projekte explizit nachhaltiger Unternehmen wie Hess natur oder Bio Basics zu präsentieren. Was aber ist mit Unternehmen aus der Automobilbranche, deren Lobbyarbeit die Höchstwerte für den CO2 Ausstoß von Neuwagen nach oben treiben? Energieversorgern, die Klimakiller betreiben oder Banken, die an „Schurkenstaaten“ Kredite vergeben? Wenn Wall Mart in China auf der einen Seite massiv gegen die Einführung von Gewerkschaften agiert, sich zugleich aber auf seiner chinesischen Website als „guter Bürger“ präsentiert, der chinesischen Babies Hasenschartenoperationen bezahlt und für zahnlose Omas Freizeitvergnügen veranstaltet, dann ist die Diskrepanz eklatant. 

Versuchen viele Konzerne nicht mit publikumswirksamen Aktionen in der Öffentlichkeit einen falschen Eindruck zu erwecken, der von ihrem kritikanfälligen Kerngeschäft ablenkt? Und helfen wir diesen Firmen nicht beim greenwashing?

Mohammad Yunus spricht sich in seinem eindrucksvollen Buch Die Armut besiegen für eine strikte Trennung zwischen wirtschaftlicher Profitorientierung und sozialem Return aus. Seiner Meinung nach stehen beide Ziele fast unweigerlich in einem Spannungsverhältnis zueinander, infolge dessen der messbarere und anerkanntere wirtschaftliche Gewinn fast immer die Oberhand gewinnt. Wie es so treffend heißt: What gets measured, gets done.

Nun können wir davon ausgehen, dass sich nur wenige Unternehmen in nächster Zukunft dazu durchringen werden, reine Sozialunternehmen zu gründen (d.h. Unternehmen, die zwar ihre Kosten decken können, deren Ziel und einzige Meßlatte für Erfolg aber soziale Ziele sind).

Was ist dann mit dem Gros der Firmen, die sich sozial engagieren? Akzeptieren wir bei betterplace – um unsere Plattform nachhaltig zu finanzieren – jeden als Kunden? Oder gibt es bestimmte Branchen und Unternehmen (auch jenseits der offensichtlichen No-Nos wie Rüstung, Mädchen und Drogen), die wir von unserer Dienstleistung kategorisch ausschließen? Was ist mit Scientology-nahen Unternehmen? Oder solchen, die anderen fundamentalistischen Ideologien, seien sie nun christlich, muslimisch oder hinduistisch, Geld in die Kasse schleudern? Und auf der Basis welcher Informationen über ein Unternehmen, können wir solche Unterscheidungen treffen?

1 Response to “CSR bei betterplace – elektronischer Ablasshandel oder sinnvolle Stärkung sozialen Engagements?”


  1. 1 Hans-Jürgen Cramer 5. August 2008 um 12:16

    Liebe Joana,
    ein ziemlich schwieriges und komplexes Thema kontrovers aufgerissen: Wenn das kein Ansatz für eine Diskussion über den eigenen, den gemeinsamen Standort bietet…
    Ich kann sicherlich nicht die gesamte Bandbreite besprechen, möchte aber doch aus dem „inneren Kreis von Entscheidern“ sozusagen einen kleinen Einblick geben….

    Als Ausgangspunkt würde ich für mich in Anspruch nehmen, dass die Auseinandersetzung mit Umwelt- und Klimaschutz relevanten Fragen, jedenfalls bei den Unternehmen, die ich kenne, sehr ernsthaft, leidenschaftlich und z.T. natürlich auch kontrovers verläuft. Niemals jedoch verlogen oder nur zum Schein, wie Kritiker das immer wieder vorhalten oder als These vor sich hertragen. Warum nicht? Einmal eine naheliegender Grund: Jede Firma ist auf gute, sehr gute Leute angewiesen, auf vielen Ebenen im Unternehmen – und diese lassen sich in aller Regel nicht auf ein moralisch verkommenes Unternehmen ein – mindestens fordern diese eine ernsthafte, zukunftsgerichtete Auseinandersetzung, selbst wenn im Moment noch viel zu tun und zu verändern ist… Zum anderen gibt es die Rating-Agenturen, die gerade im Energiebereich ihre Ratings und Rankings auch von einer nachhaltigen Strategie abhängig machen – hier kann also der Nachhaltigkeitsgedanke, das sich Einsetzen für erneuerbare Energien und die Vermeidung von CO² Abgaben in die Atmosphäre direkt geldwert gerechnet werden. Auch hier gibt es eine hohe Transparenz, sodass ein grobschlächtiges Auseinanderfallen von Worten und Taten auf Dauer nicht möglich ist.

    Warum dann die Diskrepanz in den Auffassungen – warum dann die hartnäckigen Vorbehalte….

    Gerade Energieversorgung bewegt sich in ausgesprochen langen Investitionszyklen, die nicht selten 40 Jahre und mehr betragen. Daher ist es dort besonders wichtig, zu neuen Investitionszeitpunkten die jeweils best-verfügbare Technik mit den besten Umweltstandards einzusetzen. Nun gibt es aber Auffassungsunterschiede, welche Technik dieses Merkmal zugesprochen bekommen kann: Kohlekraftwerke? Kernkraftwerke? Biomasse-Heizkraftwerke, Windenergie, Solarenergie, Geothermie? Brennstoffzellen? Nun weiß ich aus meiner eigenen beruflichen Agenda, dass sich darüber trefflich streiten lässt – und ich werde mich jetzt nicht auf dieses Feld begeben! Aber natürlich kann man, vor dem Hintergrund der sicheren Energieversorgung der Bundesrepublik Deutschland, als großem Industriestandort mit dementsprechenden Anforderungen, hier zu sehr unterschiedlichen Auffassungen gelangen, was die Investitionsrichtung und -ausgestaltung der zukünftigen Energieversorgung anbelangt.

    Zurück zur Thematik: Wenn also nun ein Energieversorgungsunternehmen (oder ein anderes Unternehmen) sich für soziale Projekte in der Gesellschaft engagiert,dann ist es, nach meiner persönlichen Erfahrung von mindestens 20 Jahren, viel zu kurz gesprungen, lediglich greenwashing zu unterstellen. Vielmehr wird die Positionierung von Unternehmen in der Gesellschaft diskutiert – und natürlich werden auch die dementsprechenden Auswirkungen dieser Positionierung in der Bevölkerung, den Medien und der Politik dabei berücksichtigt. Es ist vieles, aber eben auch nicht alles altruistisch. Aber die Projekte, Vorhaben und Unterstützungen sind eben auch nicht (nur) Fassade und nur vorgeschoben.

    Als Angebot beider Seiten sollte bleiben, ins Gespräch über Wahrnehmungen einzutreten, Glaubwürdigkeiten zu hinterfragen, Zukunftsideen gemeinsam festzulegen und sich auf einen Berührungsprozess einzulassen. Hier gibt es sicher Ideologien auf beiden Seiten, die dies verhindern – aber aus Angst sich zu „kontaminieren“ sollte man nicht darauf verzichten, wahr-zu-nehmen.

    Paul Watzlawick hat einmal gefragt: Wie wirklich ist die Wirklichkeit und meinte damit unter anderen, dass manchmal nicht das Problem das Problem ist, sondern die Art und Weise, wie wir damit umgehen. Ich kann sagen, dass ich viele Belege für diesen Satz habe und dass manche Verurteilung (vor einem vermeintlich guten moralischen Eigen-Hintergrund) viel leichter ausgesprochen ist, als die ernsthafte Auseinandersetzung meiner Eigen-Beurteilung in der Kontroverse mit dem Objekt meiner Beurteilung.

    Was bleibt für betterplace: Auf jeden Fall sollte pures greenwashing nicht akzeptiert werden – wer sind wir auch, dass unsere Moral, quasi geldwert transferiert, einem Unternehmen zum guten Image verhilft. Also erwarte ich neben einer klaren Nachhaltigkeitsstrategie und -perspektive auch einen erkennbaren und seriösen Prozess der inhaltlichen Auseinandersetzung, der Erkennung von richtigen Schritten in die richtige Richtung und eine Kommunikation, die für einen erwachsenen, systemisch und Ganzheit-berücksichtigen Prozess steht.

    Wenn ein Unternehmen Teil eines Problems ist und ernsthaft und nachprüfbar beabsichtigt Teil einer bzw. der zukünftigen Lösung zu werden und dies vor dem Hintergrund akzeptabler Zeitachsen – wer sind wir, hier den Stab zu brechen.

    Wie sagen manche Philosophen: So einfach, so schwer…

    Manchmal kann man es direkt fühlen….

    Hans-Jürgen Cramer


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