Kapitalmärkte für Soziale Unternehmen

Auf Mutmacher fragt sich Susanna Krüger, wie Kapitalmärkte für Sozialunternehmer aussehen könnten:

Die Vizepräsidenting einer grossen amerikanischen Stiftung (Hewlett), die seit langem Studien über die mögliche Beschaffenheit solcher Märkte finanzieren, hat vor einiger Zeit Interessantes dazu geäußert. Sie glaubt, es braucht mehr Transparenz und einheitlichere Metriken, um als Stiftung besser entscheiden zu können, welche Organisationen man unterstützt. Mit solchen Marktplätzen hätten Social Entrepreneurs mit innovativen Ideen, die hohe soziale Wirkung versprechen, die Chance, bereits im Anfangsstadium ihrer Tätigkeit höhere Geldsummen einzusammeln und damit schneller zu wachsen.

Eine erste Plattform die versucht einen Marktplatz für die besten sozialen Organisationen und Initiativen zu etablieren, ist www.Socialmarkets.org:

US amerikanische Sozialunternehmen können sich anmelden, müssen ein klares Evaluationskonzepts für ihre erwarteten Ergebnisse voweisen und begeben sich damit auf die (online) Suche nach Geldgebern. Die Initiatoren träumen von einem “Stock Exchange” für Social Entrepreneurs.

Weitverbreitetes Misstrauen in den gemeinnützigen Sektor
Nun wollen Geldanleger genau wissen, was mit ihrem Geld geschieht. Und so hat diese Entwicklung u.a. zur Folge, dass ein bislang oft vor sich hin wurschtelnder Sektor sich neuen Qualitätsstandards unterwerfen muss.

Laut social markets sind Spender so misstrauisch wie noch nie zuvor, dass gemeinnützige Organisationen ihr Geld auch wirklich klug verwenden. Mit dieser Einschätzung sind sie nicht allein. Kritiker der Entwicklungszusammenarbeit wie William Easterly konstatieren, dass die Bemühungen, die Kluft zwischen Arm und Reich zu schließen, grandios gescheitert sind: so findet Easterly statistisch zwischen 1950 und 2001 KEINE Korrelation zwischen Entwicklungshilfe und wirtschaftlichem Wachstum. Im Gegenteil, die Länder, die es geschafft haben sich wirtschaftlich zu entwickeln, sind fast alles solche, die aus dem Westen nur vernachlässigenswerte Hilfszahlungen bekommen haben (Indien und China). 

Die Ursachen sind vielfältig, aber ein wesentlicher Grund ist der, dass staatliche Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit, wie die Weltbank oder die GTZ nicht ihren eigentlichen Kunden (den Armen) Rechenschaft über die Verwendung von Geldern ablegen müssen, sondern ihren Geldgebern, den westlichen Regierungen und Wählern. Und die haben vom Thema zumeist wenig Ahnung und sind schon zufrieden, wenn sie öffentlich verkünden können, wieder mal Millionen für Afrika, HIV oder Klimaschutz zur Verfügung gestellt zu haben.

Wo sind die Resultate?
Mich macht es jedes Mal völlig wahnsinnig, wenn in den Nachrichten mal wieder nur davon die Rede ist, wie viel Geld zur Armutsreduzierung gesammelt oder von der G8 versprochen wurde. Wenn nur halb soviel Tinte darüber vergossen werden würde, was MIT DEM GELD GEMACHT WIRD und welche RESULTATE damit erzielt werden!

Dem gleichen Phänomen begegnet man übrigens in Unternehmen (dem Thema einer unserer letzten Diskussionen): soziales unternehmerisches Engagement und Sponsoring ist der Geschäftsbereich in deutschen Unternehmen, der wahrscheinlich am weitaus unprofessionellsten betrieben wird: Es werden Millionen ausgegeben, doch wofür und warum, weiß niemand so genau. Meist ist man zufrieden mit etablierten Hilfsorganisationen zusammenzuarbeiten: was die genau mit dem Geld machen, wie viel in den administrativen Overhead fließt und wie viel wirklich beim eigentlichen Empfänger (den Notleidenden) ankommt, erscheint sekundär. 

Feedbackschlaufen über das Web of Trust
Wir bei betterplace verfolgen mit Interesse die neuen Qualitätsstandards, die sich momentan im non-profit Sektor herausbilden. Unseren bislang wesentlichsten Beitrag zu dieser Debatte sehen wir in dem Web of Trust. Jeder, Kritiker ebenso wie Fan, Zaungast oder direkter Benefaktor einer sozialen Initiative, kann hier zu Wort kommen und beschreiben, welchen Unterschied die Arbeit einer Organisation oder eines anderen Menschen in der Praxis macht. Das Web of Trust ermöglicht enge Feedbackschlaufen zwischen Projektverantwortlichen, Benefaktoren und Unterstützern; Unterstützer haben eine solidere Basis auf Grund derer sie Gelder vergeben können. Benefaktoren haben eine Stimme um zu sagen, ob die Gelder bei ihnen angekommen sind und die Interventionen für sie sinnvoll waren. Projektverantwortliche können auf Grund dieser Informationen ihre Arbeit verbessern.

8 Responses to “Kapitalmärkte für Soziale Unternehmen”


  1. 1 Christian Henner-Fehr 8. August 2008 um 19:12

    In meinen Augen besteht das Problem darin, dass hier der moralische Aspekt alle anderen überdeckt. Helfen ist per se schon etwas „Gutes“ und daher ist es verpönt, in diesem Zusammenhang über Qualität zu sprechen bzw. sie einzufordern.

    Aufgabe ist es, die beiden Bereiche Qualität und Werte/Moral zu trennen. Solange das nicht gelingt, wird das Problem wohl weiter bestehen. Und Unternehmen werden weiterhin darüber berichten, welche Summe sie gespendet haben anstatt darüber zu sprechen, was ihre Spende bewirkt hat.

  2. 2 sukrueger 9. August 2008 um 20:42

    Christian –
    Dein Kommentar ist sehr interessant. Ich glaube, man kann das aber auch anders sehen: nicht unbedingt trennen was wir als „moralisch“ erachten und im Gegensatz das, was wir als „das Andere“ sehen, sondern diese ganzen Aspekte zusammendenken. Qualität und Moral können zusammengehen wenn man „Messbarkeit“ und „Evaluation“ als Systeme versteht, die mit Menschen und ihren Organisationen gemeinsam gebaut werden. Wenn man mit ihnen überlegt, was sie selbst als Qualität verstehen und das dann übersetzt in Indikatoren, die Sinn machen und nicht (nur) „von oben“ kommen.

    Ich glaube hier liegt eine Menge Potential. Vor allem dort, wo die Kategorien „Moral“ und „alles andere“ aufgehoben und zusammengebracht werden. Danke für Deine Idee, fände es interessant weiter darüber zu diskutieren.
    Susanna
    http://mutmacher.wordpress.com

  3. 3 Christian Henner-Fehr 9. August 2008 um 22:11

    Ich weiß nicht, ob wir nicht eh dasselbe meinen. Mir geht es lediglich um die gedankliche Trennung. Auf den verschiedenen Ebenen passieren verschiedene Dinge, gilt es, unterschiedliche Aspekte zu beachten.

    Moral ohne Qualität hilft mir ebenso wenig wie Qualität ohne Moral, um es jetzt stark vereinfacht auszudrücken. Aber durch die gedankliche Trennung verhindere ich Überlagerungen, d.h. ich kann mich um die Qualität kümmern und lasse die moralischen Aspekte außen vor. Aber vielleicht drücke ich mich unklar aus…

    Ein anderes Beispiel: wenn ich kommuniziere, tue ich das auf der Sach- und der Beziehungsebene. Gedanklich kann ich beide Ebenen trennen und mir überlegen, was auf jeder Ebene passiert, wenn ich etwas kommuniziere. In der Praxis ist und bleibt das aber immer eine Nachricht.

  4. 4 Uli Schwarz 10. August 2008 um 13:33

    Während ich den blog lese, fallen mir sofort unsere „Erfahrungen“ als Spender ein. Meine Frau und ich waren Ende 2005 in Südindien, um einen Filmbeitrag über ein Tsunami-Projekt zu drehen. Wir lernten dort eine Schuldirektorin kennen, deren Studium durch ein Stipendium deutscher Nonnen finanziert worden war. Sie selber war sehr religiös und als beste Lehrerin des Distriktes ausgezeichnet worden. Sie wusste, dass wir uns bereits um zwei Mädchen kümmerten und machte uns auf das Schicksal eines weiteren kleinen Mädchens aufmerksam. Natürlich wollten wir helfen (etwas „Gutes“ tun) und gaben der Lehrerin Geld, damit sie sich um das Mädchen kümmern konnte. Wir vertrauten der Direktorin und empfanden es als völlig unpassend, zu „evaluieren“, was mit unserem Geld geschieht. Wir hatten das Gefühl, dass jede Frage in Richtung Kontrolle verletzend, kolonialistisch und typisch westlich arrogant wäre.

    Im nächsten Jahr mussten wir leider feststellen, dass nur ca. 20% des Geldes bei dem Mädchen in Form von Keksen angekommen waren. So hatten wir uns das nicht vorgestellt. Schlimmer aber noch war, dass die Kleine seit Monaten unter starken Zahnschmerzen litt und sich niemand um sie gekümmert hatte.

    Wir (die Spender) müssen kontrollieren, um helfen zu können. Genauso ist es eine Pflicht der Projektverantwortlichen exakt nachzuweisen, was mit dem Geld geschieht.

    Das Web, Filme, Briefe und Telefonate, also alle Formen der Kommunikation zwischen Spendern und „Benefaktoren“ sind notwendige Elemente einer besseren Entwicklungszusammenarbeit. So, jetzt muss ich Schluss machen, weil wir – wie jeden Sonntag – mit unseren Mädchen aus Südindien telefonieren …

  5. 5 joanab 20. August 2008 um 7:40

    Herzlichen Dank für Eure Kommentare. Parallel zu dieser Diskussion habe ich den schon in einem früheren blogpost erwähnten Keystone Report gelesen, der sich mit Online Philanthropy Markets beschäftigt. Darin geht es zum großen Teil um die diskutierten Belange: die Autoren der Studie kritisieren, dass es auch auf den Internet-Plattformen viel zu wenig und oft intransparente Bewertungskritierien für die Effektivitiät der staatlichen Entwicklungsorganisationen und NGOs gibt. Ist die Organisation um die Ecke, dann kann man da vorbeischauen und sich ein Bild von ihrer Arbeit machen. Ist sie aber in einem anderen Land ist man als Spender auf fremde Informationsquellen angewiesen. Nun messen Organisationen und unabhängige Evaluierungsexperten Erfolg auf höchst unterschiedliche Weise: viele stellen sehr formale Kriterien heraus: sie geben z.B. Daten bezüglich ihrer Effizienz weiter (das sie z.B. mit einem geringen administrativen Kostenapparat auskommen) – doch das eine Organisation wenig für sich selbst ausgibt, bedeutet natürlich noch lange nicht, dass sie qualitativ effektive Arbeit leistet. Den meisten von uns dürfte jedoch eine teurere Institution, die aber nachhaltige Resultate produziert lieber, als eine, die für wenig Geld auch wenig leistet.

    Ein Befund der Studie hat mich nachhaltig erschüttert: viele der insgesamt 24 untersuchten Online-Plattformen (betterplace war zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses noch nicht online), gaben an, sie würden bewusst darauf verzichten, Web 2.0. Technologien zu verwenden. Diese ermöglichen das direkte Feedback von Nutznießern und anderen Projektteilnehmern (d.h. alle Menschen, die wir versuchen ins Web of Trust eines Projekts zu holen) – doch so die Studie: „Online Märkte fühlen sich unwohl dabei, diese Art von Feedback zugänglich zu machen, da sie befürchten, das die Organisationen schlecht abschneiden und das wiederum sich auch auf den Erfolg der Online-Plattformen negativ auswirkt“. Was für ein Armutszeugnis für den Sektor! Ich hoffe, wir können mit unserem Web of Trust Spendern ein vielschichtiges, realistisches Bild von Projekten und Organisationen vermitteln – und ihnen helfen, die Spreu vom Weizen zu trennen.

  6. 6 Christian Henner-Fehr 24. August 2008 um 18:44

    Das finde ich interessant, dass die Angst vor negativen Rückmeldungen so groß ist. Überraschend ist es aber, denke ich, nicht. Wir alle fürchten uns in gewisser Weise vor Kritik und wenn es dann noch öffentliche Kritik ist, gegen die wir uns nicht wehren können, dann funktionieren die Reflexe häufig noch ganz automatisch.

    Mir stellt sich die Frage, wie sich das ändern lässt? Am besten fängt man wohl bei sich selbst an. Insofern ist Euer Ansatz sicher der richtige. Einerseits für die Plattform selbst, andererseits aber auch für andere Plattformen, die erkennen können, dass Transparenz ja doch nicht weh tun muss, sondern ganz im Gegenteil Vorteile mit sich bringen kann.

    Ich finde es zielführender, wenn man andere durch das eigene Tun davon überzeugt, dass es Alternativen gibt, statt Kritik an deren Verhalten zu üben. Das führt meist dazu, dass sich der Kritisierte einigelt und dann ist eine Änderung garantiert nicht mehr möglich.

  7. 7 joanab 25. August 2008 um 20:56

    Dem stimme ich vollkommen zu. Ich denke für uns geht es darum, dass wir erstmal direktes feedback plattform-technologisch ermöglichen. Zugleich müssen wir uns aber noch mehr darum bemühen sukzessive weitere Qualitätsstandards für betterpace Spender einzubauen. Zum Beispiel, indem wir den Organisationen mehr Möglichkeiten bieten sich transparent darzustellen: ihre Finanzberichte zu präsentieren, öffentlich darzulegen, wie sie das Feedback von Nutznießern ihrer Aktivitäten einholen und in ihre Planung einbeziehen etc.

    Aus der Keystone Studie geht zwar auch hervor, dass nur sehr wenige Spender sich für diese Details interessieren. Aber ich vertraue darauf, dass sich Branchenintern und unter den wirklich Interessierten – neue Qualitätsstandards für soziales Tun und soziaen Fortschritt herausbilden werden, die in die allgemeine Bewertung zurückfließen werden und schlußendlich auch die Spender erreichen, die keine Finanzberichte lesen möchten.

  8. 8 Christian Henner-Fehr 26. August 2008 um 17:35

    Das scheint aber logisch, dass sich nur wenige für die Details, z.B. einen Finanzplan interessieren, den den habe ich ja bis jetzt nirgendwo einsehen können. Insofern finde ich es super, wenn betterplace versucht, hier neue Maßstäbe zu setzen.

    Und irgendwann werden dann auch die Finanzpläne gelesen.😉


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