Der Spendenkomplex, 1. Teil

spendenkomplex

Der Spendenkomplex – Das kalte Geschäft mit den heißen Gefühlen – so der Titel des Buches von Alexander Glück, in dem er seine Erfahrungen im dritten Sektor kritisch zusammenfasst.

Mehr Selbstreflektion – bitte! Und zwar bei Spendern ebenso wie bei großen und kleinen Hilfsorganisationen. So könnte die das Buch durchziehende Grundthese lauten. 

Für das Gros der Spender zählt nur das gute Gefühl beim Spendenvorgang, der ihre Selbstachtung erhöht. Wirkung und Effekt der Spende werden selten kritisch hinterfragt.

Spenden an sich ist nicht unweigerlich gut
Dabei hätten Spender, so Glück, dazu einigen Anlass. Spenden an sich, so ein leicht nachzuvollziehendes Fazit der Studie, ist an sich nicht per se gut. Viel zu viel Geld geht in ineffektive Organisationen, die ihren Satzungszielen nicht gerecht werden. Oftmals verhindern Spendengelder auch den eigentlich nötigen strukturellen Wandel, da sie wie ein Heftpflaster wirken, anstatt die darunter liegende Wunde nachhaltig zu heilen (so z.B. indem sie kurzfristig die negativen Effekte des massiv ungleichgewichtigen Welthandelssystems lindern, statt an seiner Umstrukturierung zu arbeiten).

Den Hilfsorganisationen steht viel Geld zur Verfügung: Glück geht von 2,5 Milliarden Privatspenden in Deutschland aus. Dazu kommt noch mal der Etat des BMBZ (Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit), der 2007 bei 4,5 Millionen lag und zu 1/3 in Großorganisationen wie UNICEF, zu 1/8 in kleinere NGOs floß. 

Ein erheblicher Anteil dieser Gelder wird für „Werbung und Verwaltung,“ verwendet; für Büromieten und Honorare von Werbefirmen, für Druckaufträge, Portokosten und die Gehälter der Fundraiser und Mitarbeiter.

Die Kluft zwischen öffentlicher Wahrnehmung und Realität
Natürlich müssen NGOs genauso professionell arbeiten und marktadäquate Gehälter zahlen können, wie profitorientierte Unternehmen. Ein Problem liegt jedoch in der oft großen Diskrepanz von öffentlicher Wahrnehmung und realen Verhältnissen.

Die meisten Spender nehmen an, dass ein Großteil ihrer Spende beim Nutznießer ankommt und nicht von Verwaltungsgebühren aufgefressen wird. Gerade in Deutschland gehen viele davon aus, dass im non-profit Sektor lauter ehrenamtlich arbeitende Gutmenschen arbeiten. Doch dem ist nicht (nur) so. 

Wer weiß, dass man in Deutschland schon dann als gemeinnützig gilt, wenn 50% der Gelder in gemeinnützige Zwecke fließen? Und das alle die Organisationen das Spendensiegel des DZI erhalten, die bis zu 35% ihrer Einnahmen für Werbung und Verwaltung ausgeben?

Wieviele Spender würden wohl noch der Mitgliedschaft bei einer Organisation zustimmen, wenn sie wüssten, dass nicht selten der gesamte erste Jahresbetrag an die Werber geht? 

Konkurrenzkampf unter den Organisationen
Den Vorwurf, den Glück vielen Organisationen macht, ist, dass sie ihre:

 „Hauptenergien nicht auf die Straffung des Verwaltungsapparats, die künftige Entbehrlichkeit der Hilfsarbeit oder andere Möglichkeiten zur Kostendämpfung legt …, sondern ganz überwiegend auf die Erschließung neuer und immer neuer Geldströme und die Pflege der bereits vorhandenen.“

Die Hilfsindustrie wächst schneller als das Spendenaufkommen und folglich führt der Konkurrenzkampf um Spender und Gelder dazu, dass immer mehr Geld für Fundraising verwendet wird: Gaben im Jahre 2000 die vom DZI zertifizierten Organisationen im Durchschnitt nur 9,1% für Fundraising aus, so sind es mittlerweile 16%.

Mit Slogans wie „Jeder Euro hilft“ kaschieren viele Organisationen diese Kosten. Nur wenige legen, wie z.B. die Welthungerhilfe, ihre Geschäfts- und Finanzberichte im Netz offen.

Weinende Kinder. Misshandelte Tiere
Der Spendenkomplex prangert aber auch an, dass viele soziale Initiativen ihre Spender massiv manipulieren. Werbebriefe – das erfolgreichste Spendeneintreib-Mittel – sprechen die Gefühle des Spenders mit gefühlsduseligen Bildern – weinende Kinderaugen und misshandelte Tieren – an. Die Darstellung fremder Lebenswelten verkommt zum Klischee. „An die Stelle des Mitgefühls tritt ein Surrogat aus Fakten, Propaganda und Gefühlsansprache.“ Daraus resultiert zum einen, dass die eigentlichen Ursachen der Lebensverhältnisse – die wir vielleicht ändern können – verschleiert werden. Diese Darstellung zementiert das stereotype Bild einer zweigeteilten Welt: Da ist auf der einen Seite der Westen – wohlhabend, aktiv, zupackend – und da ist der bemittleidenswerte Rest der Welt – passiv und arm.

Doch diese Sicht ist nicht nur grundlegend falsch – zahlreiche Grassroots Initiativen weltweit bezeugen, wie viele Menschen in ihren eigenen Gesellschaften versuchen Armut und soziale Missstände zu bekämpfen und dabei oft wesentlich effektiver sind als die fremden Helfer von außen. Sie führt auch oft dazu, dass weiße Helfer in Ländern des Südens als unerträgliche Bevormunder auftreten, die meinen, afrikanische Partnerorganisationen mit ihren eigenen Kommunikations- und Arbeitsmaßstäben belehren und disziplinieren zu müssen. 

Wir im Westen nehmen uns das Recht heraus die Schicksalsgeschichten anderer Menschen, die nicht die gleiche Möglichkeit haben, sich darzustellen, weltweit zu präsentieren. Rumänische Heimkinder, in deren Namen Gelder gesammelt werden, haben keine Stimme. „Die Initiativen besitzen die von ihnen versorgten Schicksale und vermieten die an Paten,“ so die pointierte Aussage des Autors.

Das Engagement vieler kleiner Vereine betrachtet Glück differenziert. Einige von ihnen engagieren sich auf bewundernswert patente und transparente Weise. Ein Positivbeipiel, welches der Autor anführt, ist das auch auf betterplace erfolgreich Spenden einsammelnde Emukhunzulu Education Centre, das konkrete Antworten darauf liefert, was passiert, wenn die Spende das Portemonnaie verlassen hat.

Bei vielen anderen jedoch meint Glück eine stattliche Anzahl psychisch schwerkranker, vereinsamter Menschen entdeckt zu haben, die durch ihre aufopfernde Hilfe für andere versuchen ihr eigenes Leben aufzuwerten und deren Arbeit in den seltensten Fällen effektiv ist. Mit dieser speziellen, im not for profit Sektor durchaus verbreiteten Persönlichkeitsstruktur hängt es wohl auch zusammen, dass wenige Branchen so untereinander verstritten sind wie die der vermeintlichen Gutmenschen.

Teil 2 folgt.

4 Responses to “Der Spendenkomplex, 1. Teil”


  1. 1 Basti 8. November 2008 um 17:47

    Hi Joana!

    Guter Beitrag, klingt auf jeden Fall nach nem interessanten Buch. Dennoch 2 hoffentlich nicht zu ketzerische FRagen:

    1. Was genau sind Verwaltungskosten (gibt es irgendwo eine anerkannte Definition bzw. ist die vom DZI anerkannt)?

    2. Sollte es eigentlich nicht darum gehen herauszufinden, wo ich für meinen Spendeneuro am meisten Gutes tun kann und ist es nicht so, dass die Verwaltungskosten hier nur eine winzige Rolle spielen (wenn überhaupt)?

    Ok, das waren jetzt eigentlich 3 Fragen, aber ich bin halt neugierig.😉

    Bis dahin hier (mal wieder) der Verweis auf meine Lieblingsartikelserie zu Thema Verwaltungskosten: http://blog.givewell.net/?cat=6.

  2. 2 joanab 9. November 2008 um 13:21

    Lieber Basti,
    Überhaupt nicht ketzerisch! ich bin völlig Deiner Meinung: natürlich geht es hauptsächlich um Effektivität (und die hat nur bedingt auch etwas mit Effizienz zu tun). Ich erinnere mich an ein Beispiel, ich glaube von Easterly, in dem er zwei Schulen in Togo vergleicht, die beide von Hilfsorganisationen errichtet wurden. Bei der einen konnten für die gleiche Summe 3 Kinder in die Schule gehen, bei der anderen nur eins (die genauen Zahlen müßte ich nachschlagen). Jedenfalls würde ich da natürlich einerseits immer die Organisation vorziehen, die mehr fürs Geld bietet. Dennoch ist das oft nicht so einfach, denn Schüler sind nur ein Maßstab: vielleicht bietet die andere Schule eine wesentlich bessere Ausbildung und ist letztendlich zwar teurer, aber effektiver.

    Insofern finde ich den Artikel, auf den Du verweist sehr gut. Ich denke es ist auch unsinnig Fundraising-Kosten an sich zu verdammen. Hierzu hat ja Michael urselmann ziemlich viel sinnvolles geschrieben.

    Was wir wollen ist Transparenz. Und zwar ziemlich radikale Transparenz. Ich möchte einfach herausfinden können, wieviel Geld für was drauf geht. Deshalb bitten wir Organisationen diesen Verwaltungsteil bei ihren Projekten explizit zu machen. Sie können gerne einen Bedarf einstellen: „15% Verwaltungskosten“ – wenn sie sich die Mühe machen, dass gut zu erklären, wird es auch Menschen geben, die darauf spenden.
    Und was die Effektivität angeht: da bauen wir darauf, dass das Web of Trust eine differenzierte Möglichkeit bietet, Qualität und Effektivität einzuschätzen. Aber wir verfolgen natürlich auch die vielen, spannenden Überlegungen wie sich sozialer Impact messen läßt und überlegen, wie wir die bei betterplace einfließen lassen können.

  3. 3 Uli Schwarz 10. November 2008 um 18:13

    Hallo Joana,

    In meinen Augen eine überfällige Debatte. Zeigt doch allein die Existenz von betterplace.org oder helpedia.org, dass der bisherige Weg der Entwicklungszusammenarbeit als immer fragwürdiger angesehen wird. Auch die „Erfolge“ vieler NGOs stehen jetzt zur Debatte, was vor allem auch an der fragwürdigen Praxis der Spendensammlung – weinende Kinderaugen etc. – liegt.

    Die Kritiken von Glück sind sicherlich berechtigt und die Verschleierung der Kostenstruktur unhaltbar, wie auch die peinliche Werbepraxis mit immer neuen Bildern von „armen Kindern“ etc. Als normaler Mensch muss einem klar sein, dass auch NGOs untereinander konkurrieren, dass eine NGO der anderen nichts gönnt. Wer etwas anderes erwartet hätte, wäre nur naiv.

    Viel schlimmer ist es m. E. jedoch, dass die NGOs als Filter zwischen den Spendern und Nutznießern fungieren. Nicht mehr der Erfolg eines Projektes scheint im Mittelpunkt zu stehen, sondern der Erhalt der Organisation. Der „Selbsterhaltungstrieb“ verhindert, dass Transparenz und Effizienz wirklich gefragt sind.

    Ein lesenswerter Sammelband, herausgeben von William Easterly („Reinventing Foreign Aid“, 2007), beleuchtet das Problem in dem Artikel mit dem bezeichnenden Titel: „It Pays to be Ignorant: A simple Political Economy of Rigorous Program Evaluation“. Fazit des Artikels: Sind die Gelder eingestrichen, interessiert niemand die Effektivität des Projektes.

    Andere Gedanken schossen mir durch den Kopf als ich den blog las: Warum muss ich mich rechtfertigen, wenn ich einfach nur helfen will? Wer schwingt sich da zum Richter auf, um mir zu sagen, was richtige Hilfe ist? Seltsam, es ist die gleiche Person, die die westliche Arroganz der Helfer beklagt. Um es frei nach Easterly zu sagen, mir sind Sucher lieber als Planer, die den Papst in der Tasche haben …


  1. 1 Nonprofits-vernetzt.de » Nonprofits und die Öffentlichkeit - wo bleibt der gemeinsame Diskurs im Internet? Trackback zu 18. November 2008 um 14:11

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