Heute, im U-Bahnhof

Seit Dienstag hängen die ersten 100 Plakate auf von der Wall AG freundlicherweise kostenlos zur Verfügung gestellten Großflächen in Berliner U-Bahnhöfen. Das Motiv wurde pro bono von der Berliner Agentur PULK entwickelt und verdeutlicht die Vorteile von betterplace.org: Gezieltes Spenden, direkter Kontakt zum Empfänger und die Möglichkeit, den mit der Spende bewirkten Fortschritt transparent online mitzuverfolgen.

Hier ein Foto vom Frankfurter Tor:
betterplace.org-Plakat im U-Bahnhof Berlin Frankfurter Tor

4 Responses to “Heute, im U-Bahnhof”


  1. 1 Madeleine Porr 18. Dezember 2008 um 19:08

    Auch ich habe gerade heute beim Warten auf die U-Bahn das „betterplace.org“-Werbeplakat eine ganze Weile ansehen können/müssen und mit jeder Minute stieg mein Ärger.

    Im Bahnhof war dieser Ärger zunächst noch ganz intuitiv: Suggeriert doch das braune/schwarze Händepaar in der klassisch bittenden/auffangenden Geste unter dem (noch) trockenen Wasserhahn typisch klischeehaft reduziert zweierlei:
    1) dass die Bedürftigen offensichtlich — wie immer — schwarz sind und
    2) dass sie nichts anderes tun, als die Hände aufzuhalten und zu warten, bis der sich langsam nähernde Geldfluss aus dem Hahn tropft.

    Da in bester, sprich: billigster Werbemanier (=Effekthascherei) keine differenzierende Erklärung mitgeliefert wird, bleiben auch nur diese beiden Kriterien im Gedächtnis kleben, wenn man mit dem Zug davonrollt.

    Richtig wütend bin ich dann geworden, als ich zu Hause auf der Webseite von „betterplace.org“ nachgesehen habe, wo denn der Schwerpunkt der geförderten Projekte liegt. Siehe da: Es sind mit deutlicher Mehrheit Bildungs-Projekte in Europa!

    Wisst Ihr, meiner Meinung nach ist dieses Plakat tatsächlich ein Armutszeugnis, und zwar ein rassistisches: aber nicht für schwarze Menschen, sondern für „pulk-berlin“ und für „betterplace.org“!
    Madeleine Porr, Berlin

    • 2 Till 19. Dezember 2008 um 12:26

      Liebe Madeleine Porr,

      wir freuen uns immer über Rückmeldung zu unserer Arbeit – und insbesondere Kritik hilft uns ja dabei, besser zu werden.
      Bei unserem Plakat haben wir versucht eine große Zahl von Zusammenhängen in sehr wenigen Elementen zu transportieren. Um überhaupt das Thema verständlich machen zu können, haben wir dabei sowohl bekannte Elemente aus dem Kontext , als auch neue Elemente wie den Fortschrittsbalken miteinander verbunden.
      Die Botschaft entsteht beim Empfänger und ich kann gut nachvollziehen, daß Sie an der „Effekthascherei“ Anstoss nehmen. Die immerselben traurigen Kinderaugen sind auch nicht unser Verständnis von Entwicklungszusammenarbeit und auch wir haben diesen Punkt intern kontrovers diskutiert. Trotzdem haben wir uns für eine einfache und auffällige Darstellung entschieden. Wie mit jedem Plakat, soll auch hier möglichst breites Interesse geweckt werden – die komplexen Zusammenhänge und worauf es wirklich ankommt, ist auf betterplace.org nachzulesen.

      Nicht verstehen kann ich den zweiten Teil Ihres Kommentars:
      1. Ihr polemischer Vorwurf des Rassismus ist absurd. Wir haben ein sehr großes Problem unserer Zeit – sauberes Trinkwasser – stark vereinfacht dargestellt. Klar gibt es viele andere dringende Fragen und viele unterschiedliche Menschen, die auch Unterstützung nötig haben. Aber wir hatten auf dem Plakat keinen Platz für alle. Übrigens soll kein Geld oder grünes Gift sprudeln, sondern trinkbares Wasser.
      2. Ihre Wut über den „Schwerpunkt“ Europa bei der Projektherkunft kann ich besänftigen: Das Besondere bei betterplace.org ist, daß wir keinen Schwerpunkt haben. Wir sind ein offener Marktplatz, auf dem Projekte aus aller Welt sich vorstellen und um Unterstützung werben können. Wir arbeiten sogar daran, daß wir sowohl alle Themen im sozialen- und Umweltbereich, als auch alle Regionen der Welt abdecken.

      Ich würde mir wünschen, daß sie den Ärger nutzen, um sich betterplace.org genauer anzuschauen. Was unsere Ziele und Methoden auf der Plattform angeht, sollte das ihrer Sicht der Welt eigentlich entgegenkommen.
      Und die Rückmeldung zur Gestaltung des Plakats wird sicher in unsere Diskussion einfliessen.

      Viele Grüße,
      Till

  2. 3 Hella Eckert-Tietze 19. Dezember 2008 um 15:15

    Liebe Madeleine Porr, lieber Till,

    leider habe ich nicht die Möglichkeit, das Werbeplakat von betterplace.org mit eigenen Augen in Berliner U-Bahnhöfen zu sehen, weil ich nicht in Berlin lebe. Meine Sicht der Dinge bezieht sich deshalb nur auf das Foto aus dem Internet.

    Ich mische mich dennoch ein in euren Dialog, weil ich es ungemein spannend finde, wie verschieden wir auf Klischees reagieren.
    Klar, da ist etwas dran, an der Geste.
    Wir könnten zweifellos in die Klischee-Falle tappen.
    Die Frage ist nur: wie wird eine Geste zum Klischee? Und wenn sie es aus irgendeinem Grund geworden ist, was können wir als Betrachter dafür tun, um das Klischee aufzulösen?

    Aus einem Grund, den ich nicht erklären kann, interessiert mich das Klischee ziemlich wenig.
    Was mich daran aber interessiert, sind die kleinen Schritte, die Details einer bildlichen Darstellung, die, vielleicht ganz am Ende, zum Klischee werden könnten.
    Klingt ein bisschen kompliziert, oder? Ist es aber, glaube ich, nicht unbedingt.

    Auf dem Plakat von betterplace.org sehe ich eine Wasserleitung, einen Wasserhahn, eine Zahl, Hände, die geöffnet sind. Ich habe dabei überhaupt nicht die Vorstellung von „braunen“ Händen, ich denke auch nicht an „Bedürftige“ und „Hände aufhalten“ und „warten“ und „Geldfluss“. Das alles kommt mir gar nicht in den Sinn.
    Was mir aber in den Sinn kommt, hat zu tun mit dem Fluss der Dinge, mit Bewegung, mit „Leitung“ im Sinne von: Wasser gehört hier in die Hände von Menschen, die es vielleicht nicht zum Haarewaschen, Pulloverausspülen und Brillenputzen brauchen (nichts dagegen zu sagen!), sondern um zu überleben. Es geht mir nur um die Verhältnismäßigkeit. Die Frage nach Wasser ist eine Frage der Existenz.
    Ich sehe da einfach Hände, die sich öffnen, weil Wasser fließt – und das Wasser, wie ich es mir vorstelle, ist eben wirklich Wasser. Kein Geld.

    Anders denken kann ich gar nicht. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich betterplace.org von Anfang an aus der Ferne miterlebt habe. Ich finde, dass diese Plattform von einem ungewöhnlich hohen Maß an Wahrhaftigkeit geprägt ist. Was dort geschieht, stellt mir eine Menge Fragen.

    Viele Grüße
    von
    Hella

  3. 4 Dominik Aigner 23. Dezember 2008 um 12:37

    Liebe Diskutant_innen,
    leider komme ich erst jetzt dazu, auf diesen ungeheuer nötigen und viel zu wenig diskutierten Gegenstand, der in der vorliegenden Auseinandersetzung verhandelt wird, auf dieser Seite mit einzugehen.
    Auch ich habe die Plakate deutlich bemerkt und unmittelbar eine ablehnende Haltung den transportierten Bildern gegenüber entwickelt.
    Vorwegnehmen möchte ich, dass ich nicht auf das Spendenportal „betterplace“ selbst eingehen möchte, sondern ausschließlich auf die Plakatwebung zu Weihnachten 2008.
    Dabei unterstütze ich grundlegend die Wahrnehmung und Einschätzung von Madeleine Porr, die diese Diskussion mit ihrem Beitrag eröffnete. Was „betterplace“ ist, wie das Portal arbeitet, welchen Entwicklungsprozess es durchlebt hat, ist dabei zunächst völlig unbedeutend, denn das ist in den zwei Minuten des Wartens auf dem Bahnsteig nicht ersichtlich. Was aber ersichtlich ist, sind Hände einer schwarzen Person oder „person of colour“, die wartender Weise nach oben geöffnet sind. Wartender Weise auf die Mildtätigkeit europäischer, weißer Personen. Mit dieser impliziten Aussage unterstützt das Bild ein grundlegendes und ausgesprochen problematisches Selbstverständnis unserer weißen, eurozentristischen Welt:
    Es gibt arme Menschen – Schwarze, meistens Afrikaner und es gibt reiche Menschen – Weiße, meistens Europäer.
    Es ist ausgesprochen wirksam, sich in der Werbung diesem Bild zu bedienen, weil es nicht nur an ein Gewissen und eine vermeintlich richtige Verantwortung jedes einzelnen Weißen appelliert, sonder auch, weil es sich der neokolonialen Strukturlogik bedient, mit der wir in Deutschland sozialisiert werden. Die also insofern jedem_jeder sofort einleuchtet, ohne groß erklärt werden zu müssen.
    Dennoch, oder gerade deshalb liegt es in unserer (Organisationen, Plattformen und Privatpersonen) Verantwortung, im Sinne einer gerechten und hierarchiefreien Welt an diesen zementierten, nie hinterfragten und falschen Werten zu rütteln und damit zu ihrer Dekonstruktion beizutragen. Zumindest aber sollten wir versuchen, nicht an ihrer Rekonstruktion zu arbeiten, auch wenn das für uns einen bequemen Weg der Spendenacquise darstellt.
    In diesem Sinne lade ich alle Interessierten zu den beiden letzten Veranstaltungen der Reihe „Entwicklungszusammenarbeit = Eurozentrismus!?“ ein, die nächstmalig am 14. Jan. 2009, um 18.30 Uhr zum Thema „Zwischen Klischees und Ignoranz – Chancen und Fallen in der (inter-)kulturellen Arbeit und der Entwicklungszusammenarbeit“ mit Gesine Schmid und Kathrin Houda in der HU – Berlin / IAAW, Invalidenstraße 118, Raum 315, stattfinden wird.
    Der Besuch ist für jede_n kostenlos und sehr erwünscht. Nähere Informationen dazu unter

    http://commit2partnership.ragecage.de/site/index.php?id=46&L=2

    Liebe Grüße und schöne Feiertage,
    für Commit to partnership Berlin e.V.
    Dominik Aigner


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