Armut wissenschaftlich erforschen

bhanduflo115

Abhijit Banerjee and Esther Duflo, co-directors of MIT’s Poverty Action Lab, in Hyderabad

In der FAZ stieß ich letzte Woche auf eine interessante Wirtschaftswissenschaftlerin, Esther Duflo. Die Professorin für Entwicklungsökonomie, erforscht am MIT Wohlfahrtsprogramme der Entwicklungshilfe wie Schulbeihilfen oder Staudammbauten. Für die Effektivität von derlei Maßnahmen hat sie Testverfahren entwickelt, die denen der Pharmaindustrie für Medikamente ähneln.

Ihre Forschung – siehe http://econ-www.mit.edu/faculty/eduflo/papers – klärt auf, beispielsweise über die modische Illusion, man können die Hilfebedürftigen der Dritten Welt über ihren Überlebenskampf hinaus auch noch zur Selbsthilfe begaben und etwa kleine Unternehmer aus ihnen machen. Oder darüber, dass man in vielen Hilfekontexten die Bedürftigen oft erst durch kleine Bestechungen dazu bringt, ein Entwurmungsmittel einzunehmen oder ihre Kinder zur Schule zu schicken. Oder dass Überwachungskameras sich besser dazu eignen, die Anwesenheit von Lehrern und Schülern in Schulen zu garantieren als Schultagebücher, die von Eltern kontrolliert werden. Oder dass ein Armutsverstärker in der Unfähigkeit armer Eltern liegt, überhaupt zu beurteilen, ob ihre Kinder in der Schule etwas gelernt haben. Oder dass Staudammbau die Armut in den betroffenen Gebieten meistens erhöht.

Das alles klingt so, als müssten wir über Esther Duflo und ihre Arbeiten mehr wissen. Fortsetzung folgt ….

5 Responses to “Armut wissenschaftlich erforschen”


  1. 1 rotegraefin 18. Januar 2009 um 19:29

    Schon vor fast 40 Jahren habe ich mal ein Referat über die Formen der Armut gehalten.
    Es ist gut das die Forschung weitergeht. Ich halte allerdings noch mehr davon, sofort etwas zu tun wenn möglich.
    Dabei ist Bildung und Ausbildung das beste Mittel gegen die Armut.
    Was nur leider oft übersehen wird, das es ganz große Widerstände auch der Kinder zu den Eltern gibt ein besseres Leben als diese anzustreben. Da gibt es oft eine Familiensolidarität, die da sie unausgesprochen ist, schwer zu durch brechen ist.
    Das ist doch klar ein Staudamm greift doch ganz massiv in die traditionellen Lebensverhältnisse von den umliegenden Bewohnern ein. Wurden die zu dem Projekt befragt? Durften die mit entscheiden, wie das von statten gehen sollte? Hier geschehen soviel Entmutigungen für ursprünglich lebende Menschen, dass damit Verelendung einhergeht.

  2. 2 AP 24. Januar 2009 um 17:31

    Ein super Hinweis und eine faszinierende Frau, die sicher durch ihre Forschungen in der Entwicklungspolitik viel bewegen wird. Im Grunde ist ihre Idee ja mehr als simpel, mit Vergleichsgruppenforschung hat man in der Medizin jahrelang erfolgreich neue Verfahren und Medikamente getestet. Natürlich kann man damit genauso effizient die Wirkung öffentlicher Förderungen, Anreizsysteme und ähnliches testen und das nicht nur in Entwicklungsländern.
    Den Satz der FAZ “ über die modische Illusion, man können die Hilfebedürftigen der Dritten Welt über ihren Überlebenskampf hinaus auch noch zur Selbsthilfe begaben und etwa kleine Unternehmer aus ihnen machen“ verstehe ich nicht und kann auch die Studie nicht finden, auf die er sich bezieht. Weisst Du da Näheres? Das zielt ja in den Kernbereich der gesamten Mikrokreditbewegung, daher ist die entsprechende Studie sicher hochinteressant.

    Klasse, vielen Dank für den Hinweis, den namen Duflo habe ich vorhin hier zum ersten aber sicher nicht zum letzten mal gelesen!

  3. 3 joanab 25. Januar 2009 um 13:33

    Ja, auch ich bin auch über diesen Halbsatz gestolpert, habe ihn aber aus dem, was ich bislang von Dulfo gelesen habe, nicht bestätigt gefunden. Allerdings gibt es auch so viele ihrer Arbeiten zu lesen, dass ich nur ein Bruchteil angesehen habe. Meines Erachtens zielt der Satz (und event. auch Dulfos Ergebnisse) darauf ab, dass die neuen Instrumente der Armutsbekämpfung – Mikrokredite und Social Entrepreneurship – bei allen positiven Impulsen, die sie ohne Zweifel mit sich bringen, auch ein großer Hype sind. Wie bei allen Trends der Entwicklungszusammenarbeit – die sich seit den 50er Jahren mit schöner Regelmäßigkeit alle Dekade aneinander reihen – besteht auch hier wieder die Gefahr, dass das Establishment, selbstverliebt in eine Doktrin, die bei dem (westlichen) Publikum gut ankommt, hineinsteigert und dabei überhaupt nicht überprüft, welche Resultate die Interventionen denn wirklich haben. Über kritische Stimmen zum Sozialen Unternehmertum habe ich in diesem blog letztes Jahr was geschrieben, aber auch die Mikrokredit-bewegung ist alles andere als unumstritten – eben auch gerade, weil sie davon ausgeht, dass in uns allen ein kleiner Unternehmer steckt. und dem ist schlichtweg nicht so. Dazu muss man sich nur mal im eigenen Freundeskreis umsehen.

  4. 4 rotegraefin 25. Januar 2009 um 18:55

    Es ist notwendig kleine Einheiten zu sehen und in ihnen das Positive.
    Kritik wurde genug geäußert und gesehen. Wir kommen nur aus der Armut und hier der Depression heraus und darum soll jede Forschung gehen, dass das Verhalten eines jeden Menschen geschätzt wird.

  5. 5 AP 25. Januar 2009 um 23:42

    @rotegraefin: Ich glaube, genau darum geht es ihr auch. Irgendwo hat sie in einem Interview gesagt, es werde nur viel zu oft das Entscheidungsverhalten eines amerikanischen Teststudenten in einem Labor Projekten zugrunde gelegt als die tatsächlichen Entscheidungskriterien der betroffenen Menschen vor Ort. Und die zu verstehen, mit Testgruppen von Betroffenen herauszufinden, wie man Bauern in Kenya am wirksamsten in die Lage versetzt, ihre Kinder zur Schule zu schicken, darum geht es ihr.

    @joanab: ja, weder Mikrokredite noch social entrepreneurship können alle Armutsprobleme dieser Welt lindern, sie sind sicher in Grenzen nützliche und wirksame Instrumente, aber diese Grenzen muss man kennen und respektieren um wirklich effizient arbeiten zu können. Ich habe jetzt eine Mail an den Redakteur der FAZ geschickt und melde mich, wenn ich mehr weiss (und werde trotzdem meine gerade zurückerhaltenen Kiva-Gelder neu vergeben😉


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