Archive for the 'Entwicklung' Category

Ist Social Media Fundraising gefährlich?

Ein Beitrag auf Social Edge beschäftigt sich mit dem Thema Issue Fatigue, dem Overkill an Möglichkeiten Gutes zu tun. Je bewußter wir uns den drängenden sozialen und ökologischen Problemen sind, desto weniger scheinen wir bereit, etwas dagegen zu tun. 

Wer ist schuld?

–  Die Krise: Fundraising hat seinen niedrigsten Stand seit 10 Jahren erreicht (in den USA erklären 93% der Fundraiser, dass die Wirtschaftskrise sich negativ auf ihre Arbeit auswirkt). Es gibt weniger Geld und mehr Bedürftige.

– Die Konkurrenz: immer mehr neue nonprofit Organisationen werden gegründet, bei gleichbleibendem Spendenaufkommen.

– Das Internet. Die Autoren verweisen auf Hildy Gottlieb, Presidentin des Community-Driven Institute, die in ihrem blog argumentiert, dass Social Media Fundraising

a) nicht nachhaltig ist
b) punktuelle Schwächen ausgleicht ohne systemischen Wandel zu bewirken

und damit:

c) einer besseren Zukunft im Wege steht.

Harte Worte für Plattformen wie kiva.org, facebook und twitter Kampagnen. 

2 Anekdoten

Gottlieb vergleicht 2 Ansätze sozialen Handelns anhand zweier Geschichten: 

The first is the Starfish Story – the one where the boy is on a shoreline surrounded by beached starfish, where he is throwing a starfish at a time back into the sea. When asked what difference his actions can possibly make, given all the other starfish that remain, he replies, “It will make a difference to this one.”

The second is the story of the guy who is driving near a river, when he suddenly sees that the river is teeming with babies, floating along in baskets. There is a swarm of people gathered, pulling those babies out of the river. As he starts to drive away, an indignant baby-saver screams, “Hey, you selfish SOB, we need all the help we can get! Where do you think you’re going?” To which the guy replies, “I’m going up the river, to stop whoever is putting the babies IN the water.”

Ihr Fazit: einzelne Probleme beseitigen lenkt ab vom größeren Ganzen, d.h. den strukturellen, systemischen Veränderungen. 

Aber, handelt es sich dabei wirklich um eine Entweder/Oder Entscheidung? Wie viele Menschen haben in ihrem Lebensumfeld die Chance die WTO Verhandlungen zu beeinflussen, die zu faireren Handelskonditionen führen könnten?

Und muß nicht jeder für sich selbst entscheiden, wo er den Hebel sieht, um die Welt lebenswerter zu machen? Was es dazu bedarf sind meines Erachtens eine breite Auswahl an sozialen Projekten (einen Marktplatz, wie wir ihn aufbauen) und das notwendige Wissen darüber, mit welchen Hebeln man was bewirken kann (dazu versucht dieser blog immer mal wieder das eine oder andere beizutragen).

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Angela Merkel im Davoser Flüchtlingslager

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Gerade habe ich William Easterlys neuen blog entdeckt – AidWatch. Just asking that aid benefit the poor.

Easterly ist einer der prominentesten Kritiker der konventionellen Entwicklungszusammenarbeit – sein White Man’s Burden, fasst die wichtigsten Punkte eingängig zusammen. In seinem neuesten blogpost weist er auf das simulierte Flüchtlingslager hin, welches unter der Schirmherrschaft des UNHCR die auf dem Davoser Wirtschaftsgipfel versammelten Promis mit der Realität von Flüchtlingen konfrontieren soll.

Der Refugee Run soll Besuchern – hier die Promi-Gästeliste – zeigen, wie es ist, von Rebellen angegriffen zu werden oder auf ein Minenfeld zu treten.

Easterly findet, dass ein Flüchtlingslager-Themenpark zu weit geht:

Of course, I understand that there were good intentions here, that you really want rich people to have a consciousness of tragedies elsewhere in the world, and mobilize help for the victims. However, I think a Refugee Theme Park crosses a line that should not be crossed. Sensationalizing and dehumanizing and patronizing results in bad aid policy – if you have little respect for the dignity of individuals you are trying to help, you are not going to give THEM much say in what THEY want and need, and how you can help THEM help themselves?

Aber, so Easterly weiter, diese sensationslüstige und bevormundende Haltung ist in der internationalen Entwicklungshilfe gang und gebe. Sehen wir uns nur die Plakate und Briefwurfsendungen vieler Hilfsorganisationen an, auf denen großäugige Kinder um Mitleid und den Spendeneuro betteln. Easterly zitiert David Rief: “There are two groups of people who like to be photographed with children: dictators and aid officials.”

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Former World Bank President Wolfowitz with a few children

Here’s a resolution to be proposed at Davos: we rich people hereby recognize each and every citizen of the globe as an individual with their own human dignity equal to our own, regardless of their poverty or refugee status. And Davos man: please give Refugee Run a pass.

Zweitausendneu.

Für betterplace.org geht ein klasse Jahr zu Ende. Über 120 Hilfsprojekte konnten über unsere Plattform finanziert werden. Von inzwischen 7500 Nutzern. 60 Unternehmen verbessern momentan ihr soziales Engagement mit einer Unternehmensprofilseite bei uns. Neben dem Kernteam bringen immer mehr Beiräte, direkte Förderer und freiwillige Mitarbeiter betterplace.org voran. Und die Medien tragen unsere Idee ins Land hinaus: Zuletzt die Süddeutsche Zeitung, dann unser mancher Heimatblatt, die Rhein-Neckar-Zeitung, der Stern, das Inforadio vom RBB, und heute – zum gelungenen Jahresabschluss – die ZEIT (leider auf die schnelle nur abfotografiert).

Vielen, vielen Dank dafür. Und auf noch viel mehr neues Gutes 2009!

Accra: Hilfe effizienter gestalten

Gerade ist in Accra, Ghana, eine von OSCD, Weltbank und Afrikanischer Entwicklungsbank organisierte Konferenz zu Ende gegangen, die die Effizienz internationaler Entwicklungshilfe zum Thema hatte. Minister von über 100 Nationen, Geschäftsführer der staatlichen und nicht-staatlichen Hilfsorganisationen kamen zusammen, um darüber zu diskutieren, wie die Zusammenarbeit zwischen Nord und Süd effizienter gestaltet werden kann.

Es geht darum eine Zwischenbilanz der 2005 in Paris verabschiedeten Grundsätze in der EZ zu ziehen. Damas vereinbarten die reichen und armen Staaten mehr Transparenz über Ausgaben und Projekte, mehr Mitbestimmungsrechte für die Empfängerländer und eine bessere Koordination der Geberländer. Die Zielen sollten bis 2010 erreicht werden und wesentlich dazu beitragen, dass die UN Milleniumsziele 2015 erreicht werden können. 

Symptomatisch für Hilfe: hohe Kosten, wenig Resultate:

Bis zuletzt sah in Accra alles wenig ermutigend aus. Derbetter aid blog berechnete die Kosten des Treffens mit 10 Millionen US$: 

1,500 people, many in US$300 hotels (not mine of course), many people with over 100 dollar per diems, flights averaging 1,500 dollars, conference venue etc etc) and you can see how quickly it all adds up. 

Doch alles was die Bloggerin dabei herauskommen sieht sind „beruhigende Worte und keine Aktionen die Entwicklungshilfe zu reformieren“.

Auch in der SZ heißt es, die Verhandlungen würden wenig dazu beitragen, Entwicklungshilfe effizienter zu gestalten. Die USA und Japan sind die besonders schwierigen Gesprächspartner. Jedenfalls wollen sich die Geberländer nicht auf messbare Effiziensziele einlassen.

Dies sei aber dringend notwendig, sagt Stefano Manservisi, Generaldirektor für Entwicklungs-Zusammenarbeit bei der EU Kommission. Sonst fließe zu viel Geld, das für konkrete Hilfe gedacht sei, in überflüssige bürokratische Tätigkeiten. Diese überforderten die schwach ausgestatteten Ministerien in den Entwicklungsländern. „Vietnam mußte im vergangenen Jahr mehr als 750 Delegationen von Geldgebern empfangen. Das sind drei pro Arbeitstag“, kritisierte Manservisi. Dadurch seien die Vietnamesen nur noch dabei, Empfänge zu organisieren und Berichte zu schreiben.

Zugleich bemängelt der Diplomat, dass zu wenige Geldgeber die Interessen des Empfängerlandes mit einbeziehen, sondern selbst am besten zu wissen, wo Hilfe hin fließen soll.

Zivilgesellschaftliche Gruppen als Hoffnungsträger

Im better aid blog schneiden die teilnehmenden zivilgesellschaftlichen Gruppen gut ab:

Extremely active and vocal at yesterday’s roundtables, civil society present in Accra are performing at their best. They are insistently trying to get their voices heard – even if they are not always carefully listened to. Civil society’s active participation in Accra is a great of example of how citizens, social movements and NGOs are a great piece in the democratic puzzle.

They are crucial to make aid work for poverty reduction – to make aid accountable, transparent and to strengthen the channels of downwards accountability and democratic ownership. 

Und auch die EU gibt sich bemüht, die Interessen der Entwicklungsländer teilweise zu vertreten und ein separates Statement abzugeben welches über die Absichtserklärungen der Accra Agenda for Action hinausgeht.

Resultate in letzter Minute

Als am letzten Tag die Minister kamen um die kargen Ergebnisse zu unterschreiben, tat sich dann allerdings doch noch was: Besonders einige europäische Politiker bemühten sich den Prozess vorm völligen Scheitern zu retten und öffneten die eigentlich bereits abgeschlossenen Verhandlungen noch einmal. 

 

Sie verbrachten einen ganzen Tag

Weiterlesen ‚Accra: Hilfe effizienter gestalten‘

betterplace stärkt die Demokratie

In den letzten Wochen gab es auf next billion eine intensive Diskussion  über Michael Edwards Buch Just Another Emperor. Edwards, ein Direktor der Ford Foundation, hat die Nase voll von dem Hype um den Markt und setzt sich kritisch mit dem Trend auseinander, unternehmerische Fähigkeiten und Standards als neue Wunderwaffe im Kampf gegen die Armut anzusehen. Für ihn sind gute Regierungsführung und eine starke Zivilgesellschaft die zentralen Treiber eines progressiven, sozialen Wandels. 

Ohne weiter auf die Für und Wider – ist Philanthro-Kapitalismus effektiv oder eine Fata Morgana? – einzugehen, blieb ich an dem hängen, was Edwards als die drei demokratischen Grundprinzipien beschreibt (und welche er vom Philanthrokapitalismus vernachlässigt sieht): 1. Transparenz, 2. Partizipation und 3. Kollektives Handeln.

Bei betterplace sind wir mit der Schnittstelle zwischen Philanthropie und Wirtschaft vor allem dadurch verbunden, dass wir Firmen anbieten, ihr soziales Engagement auf eine neue, transparente Art und Weise darzustellen. Nun gibt es auch bei uns die Diskussion, inwieweit – und vor allem, mit welchen – Unternehmen wir zusammenarbeiten. Ich persönlich denke, das wir Unternehmen dazu verhelfen können in ihrem Geschäftsbereich CSR neue Transparenz und Effektivitätsstandards zu erzielen. Und das ist für mich eine progressive Leistung.

Die durch betterplace hergestellte Transparenz führt zu einem bewußteren Umgang mit dem Thema und wirkt der momentan vorherrschenden, willkürlichen und Qualitätsmaßstäbe ignorierenden Gießkannenpolitik entgegen; Projekte zu unterstützen, weil die Ehefrau des Vorstands Delpfinbabies so süß findet oder der Arbeitsdirektor bei einem Landgang der MS Europa ein Straßenkinderprojekt entdeckt hat. Nur eine Professionalisierung des sozialen Engagements führt zu effizienterem Handeln und damit größerem sozialem Impact. 

 

Über betterplace demokratische Grundprinzipien verwirklichen
Und hier setzt betterplace  ein und verhilft Unternehmen im Edward’schen Sinne demokratische Kernwerte zu erfüllen:

1. Transparenz
Auf betterplace werden soziale Initiativen und Projekte so transparent wie möglich dargestellt. Projektverantwortliche beschreiben genau und möglichst kleinteilig, welche Bedarfe sie haben. Zudem geben sie regelmäßig Feedback über ihre Arbeit und legen über die Verwendung der Gelder Rechenschaft ab.

2. Partizipation
Jeder – Mitarbeiter ebenso wie Kunde oder Teilnehmer der Zivilgesellschaft – kann sich an der Realisierung der Projekte beteiligen. Mit seiner Zeit, seinem Geld oder seiner Expertise.

3. Kollektives Handeln
Auf betterplace können sich Einzelpersonen zu Gruppen zusammenschließen und gemeinsam einen Unterschied bewirken. Sie können dabei erleben, wie selbst kleine Beiträge, z.B. eine monatliche Spende von einem oder zehn Euro, gebündelt mit anderen, einen großen Effekt erzielen kann.

Weit hergeholt oder plausibel?

Kapitalmärkte für Soziale Unternehmen

Auf Mutmacher fragt sich Susanna Krüger, wie Kapitalmärkte für Sozialunternehmer aussehen könnten:

Die Vizepräsidenting einer grossen amerikanischen Stiftung (Hewlett), die seit langem Studien über die mögliche Beschaffenheit solcher Märkte finanzieren, hat vor einiger Zeit Interessantes dazu geäußert. Sie glaubt, es braucht mehr Transparenz und einheitlichere Metriken, um als Stiftung besser entscheiden zu können, welche Organisationen man unterstützt. Mit solchen Marktplätzen hätten Social Entrepreneurs mit innovativen Ideen, die hohe soziale Wirkung versprechen, die Chance, bereits im Anfangsstadium ihrer Tätigkeit höhere Geldsummen einzusammeln und damit schneller zu wachsen.

Eine erste Plattform die versucht einen Marktplatz für die besten sozialen Organisationen und Initiativen zu etablieren, ist www.Socialmarkets.org:

US amerikanische Sozialunternehmen können sich anmelden, müssen ein klares Evaluationskonzepts für ihre erwarteten Ergebnisse voweisen und begeben sich damit auf die (online) Suche nach Geldgebern. Die Initiatoren träumen von einem “Stock Exchange” für Social Entrepreneurs.

Weitverbreitetes Misstrauen in den gemeinnützigen Sektor
Nun wollen Geldanleger genau wissen, was mit ihrem Geld geschieht. Und so hat diese Entwicklung u.a. zur Folge, dass ein bislang oft vor sich hin wurschtelnder Sektor sich neuen Qualitätsstandards unterwerfen muss.

Laut social markets sind Spender so misstrauisch wie noch nie zuvor, dass gemeinnützige Organisationen ihr Geld auch wirklich klug verwenden. Mit dieser Einschätzung sind sie nicht allein. Kritiker der Entwicklungszusammenarbeit wie William Easterly konstatieren, dass die Bemühungen, die Kluft zwischen Arm und Reich zu schließen, grandios gescheitert sind: so findet Easterly statistisch zwischen 1950 und 2001 KEINE Korrelation zwischen Entwicklungshilfe und wirtschaftlichem Wachstum. Im Gegenteil, die Länder, die es geschafft haben sich wirtschaftlich zu entwickeln, sind fast alles solche, die aus dem Westen nur vernachlässigenswerte Hilfszahlungen bekommen haben (Indien und China). 

Die Ursachen sind vielfältig, aber ein wesentlicher Grund ist der, dass staatliche Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit, wie die Weltbank oder die GTZ nicht ihren eigentlichen Kunden (den Armen) Rechenschaft über die Verwendung von Geldern ablegen müssen, sondern ihren Geldgebern, den westlichen Regierungen und Wählern. Und die haben vom Thema zumeist wenig Ahnung und sind schon zufrieden, wenn sie öffentlich verkünden können, wieder mal Millionen für Afrika, HIV oder Klimaschutz zur Verfügung gestellt zu haben.

Wo sind die Resultate?
Mich macht es jedes Mal völlig wahnsinnig, wenn in den Nachrichten mal wieder nur davon die Rede ist, wie viel Geld zur Armutsreduzierung gesammelt oder von der G8 versprochen wurde. Wenn nur halb soviel Tinte darüber vergossen werden würde, was MIT DEM GELD GEMACHT WIRD und welche RESULTATE damit erzielt werden!

Dem gleichen Phänomen begegnet man übrigens in Unternehmen (dem Thema einer unserer letzten Diskussionen): soziales unternehmerisches Engagement und Sponsoring ist der Geschäftsbereich in deutschen Unternehmen, der wahrscheinlich am weitaus unprofessionellsten betrieben wird: Es werden Millionen ausgegeben, doch wofür und warum, weiß niemand so genau. Meist ist man zufrieden mit etablierten Hilfsorganisationen zusammenzuarbeiten: was die genau mit dem Geld machen, wie viel in den administrativen Overhead fließt und wie viel wirklich beim eigentlichen Empfänger (den Notleidenden) ankommt, erscheint sekundär. 

Feedbackschlaufen über das Web of Trust
Wir bei betterplace verfolgen mit Interesse die neuen Qualitätsstandards, die sich momentan im non-profit Sektor herausbilden. Unseren bislang wesentlichsten Beitrag zu dieser Debatte sehen wir in dem Web of Trust. Jeder, Kritiker ebenso wie Fan, Zaungast oder direkter Benefaktor einer sozialen Initiative, kann hier zu Wort kommen und beschreiben, welchen Unterschied die Arbeit einer Organisation oder eines anderen Menschen in der Praxis macht. Das Web of Trust ermöglicht enge Feedbackschlaufen zwischen Projektverantwortlichen, Benefaktoren und Unterstützern; Unterstützer haben eine solidere Basis auf Grund derer sie Gelder vergeben können. Benefaktoren haben eine Stimme um zu sagen, ob die Gelder bei ihnen angekommen sind und die Interventionen für sie sinnvoll waren. Projektverantwortliche können auf Grund dieser Informationen ihre Arbeit verbessern.

Sommerlektüre: Muhammad Yunus Die Armut besiegen

Von allen Institutionen und Instrumenten zur Armutsbekämpfung war die Grameen Bank mit ihren Mikrokrediten an (mittlerweile fast 7 Millionen) mittellose bangladesische Frauen, die erste, für die ich mich begeisterte. Ina und ich beschrieben ihre Arbeit in Tanz der Kulturen und seit Mitte der 1990er verfolgen wir nicht nur die weltweite Verbreitung von Mikrokreditinstitutionen, sondern auch die vielfältigen anderen Aktivitäten von Muhammad Yunus.

Als ich jetzt Yunus neues Buch Die Armut besiegen in die Hand nahm, packte mich wieder die gleiche Begeisterung für die Ideen des ehemaligen Wirtschaftswissenschaftlers und Bank-Pioniers. Ausgehend von dem Joint Venture Grameen Danone, welches seit 2007 in Bangladesch lokal produziertes, nahrhaftes Jogurt an arme Kinder zu erschwinglichen Preisen verkauft, beschreibt Yunus sein Konzept des Sozialunternehmens.

Für Yunus, ein Befürworter des freien Unternehmertums und der (regulierten) Globalisierung, sind die herkömmlichen Instrumente – von profitorientierten Unternehmen, über Nichtregierungsorganisationen und multilaterale Institutionen bis hin zu Staaten – zur Bekämpfung der vielen gravierenden sozialen Probleme nicht geeignet. Stattdessen entwirft er das Bild einer neuen Art von Unternehmen, dem Sozialunternehmen:

Was ist ein Sozialunternehmen?

Die Organisationsstruktur dieses neuen Unternehmens ist im Grunde dieselbe wie die des herkömmlichen gewinnorientierten Unternehmens. Nur verfolgt es andere Ziele. Wie andere Unternehmen beschäftigt es Arbeitskräfte, erzeugt Güter oder erbringt Dienstleistungen und stellt diese seinen Abnehmern zu einem Preis zur Verfügung, der sich mit seiner Zielsetzung deckt. Aber sein grundlegendes Ziel – und das Kriterium, an dem seine Leistungen gemessen werden sollten – besteht darin, den sozialen Bedürfnissen jener zu dienen, deren Leben es berührt. Das Unternehmen selbst kann Gewinne erzielen, aber die Investoren, die es mit Kapital ausgestattet haben, nehmen keinerlei Gewinne aus dem Unternehmen heraus, die über die Rückerstattung ihrer ursprünglichen Investition hinausgehen. (25)

Yunus tritt für eine Trennung zwischen Sozialunternehmen und sozialem Unternehmertum ein. Letzteres bezeichnet jede innovative Initiative zur Unterstützung hilfsbedürftiger Menschen, z.B. wenn ein Pharmakonzern kostenlos Medikamente an bedürftige Personen verteilt. Auch wenn in der Theorie Mischformen zwischen gewinnorientierten und sozial nützlichen Unternehmen denkbar sind, sieht Yunus in der Praxis die Gewinnmaximierung immer über den sozialen Nutzen obsiegen. Da die beiden Ziele fast unweigerlich miteinander konkurrieren und unsere vorhandenen Kennzahlen (wie Buchführungsmethoden und -standards) ausschließlich um wirtschaftlichen Profit kreisen, während die Messung sozialen Nutzens noch in den Kinderschuhen steckt, spricht er sich für eine klare Trennung der beiden Unternehmensformen aus.

Ein weiterer Vorteil eines klar abgegrenzten Modells ist, dass es schwierig ist, durch vorgeschobene Zwecke in der Öffentlichkeit einen falschen Eindruck zu erwecken. Von einem Sozialunternehmen werden die Investoren keinen Ertrag erwarten, sollte es Einnahmen erzielen.

Sozialunternehmen werden auf demselben Markt tätig sein wie die herkömmlichen gewinnorientierten Unternehmen. Sie werden mit diesen (und untereinander) konkurrieren und versuchen, sie zu überflügeln und ihnen Marktanteile abspenstig zumachen. Sie werden das Unternehmensspektrum vergrößern und den Markt zu einem interessanteren, komplexeren und wettbewerbsintensiveren Ort machen.

Wer wird Sozialunternehmen gründen?

Im Laufe des Buches beschreibt Yunus nicht nur die mittlerweile 30jährige Geschichte der Grameenbank und ihrer vielen Tochterunternehmen, wie Grameen Phone und Grameen Health Care Services, sondern entwirft darüber hinaus einen Strategieplan für zukünftige Sozialunternehmen. Manche werden von bestehenden Unternehmen gegründet werden (wie die Kooperation zwischen Grameen und Danone), andere werden von Stiftungen, einzelnen Unternehmern oder wohlhabenden Personen im Ruhestand ins Leben gerufen, die mit gewinnorientierten Unternehmen Erfolg gehabt haben und sich nun entschließen, ihre Kreativität und Managementkenntnisse an einem Sozialunternehmen zu erproben.

betterplace ist ein Sozialunternehmen

Bei der Lektüre wurde mir zum einen bewusst, dass betterplace genau in die Definition des Sozialunternehmens fällt: auch wir haben ein Unternehmen mit einem sozialen Ziel gegründet, welches nachhaltig sich selbst tragen soll. Mögliche Gewinne werden in das Unternehmen selbst re-investiert

Zum anderen wird deutlich, wie hartnäckig und lange (3 Dekaden) Yunus an seinem Modell gearbeitet hat, bis es die heutige, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete, Erfolgsgeschichte werden konnte. Immer wieder wurde das System verändert und im Dialog mit Mitarbeitern und potentiell Begünstigten verändert. In vielen Bereichen, wie zum Beispiel der Gesundheits- oder Energieversorgung, laufen bis heute mehrere Programme nebeneinander, um herauszufinden, welches System am besten funktioniert.

Anhand des ausführlich skizzierten Fallbeispiels der Kooperation zwischen Danone und Grameen wird deutlich wie die Expertise eines konventionellen Unternehmens für ein innovatives Sozialunternehmen fruchtbar gemacht werden kann. Innerhalb eines einzigen Jahres erforschten Danones Marktexperten gemeinsam mit Grameen Managern den bangladesischen Markt, bauten eine innovative kleine Yogurt Produktionsanlage, von der lokale Milchproduzenten proftieren und erschlossen mit Hilfe des gigantischen Netzwerks von Grameen-Kreditnehmerinnen eine völlig neue Vertriebsstruktur für den Verkauf des kostengünstigen, mit Nährstoffen angereicherten Yogurts, welches an arme, unterernährte Kinder vertrieben wird.

Nach der Lektüre dieses Case Studies möchte man am Liebsten von Unternehmen zu Unternehmen gehen und mit ihnen gemeinsam eine Reihe von zu ihnen passenden Sozialunternehmen gründen!

Yunus Traum eines Sozialaktionsforum gibt es schon: betterplace.org

Zum Schluss seines Buches entwirft Yunus einen Aktionsplan für jeden Einzelnen, der von einer besseren Welt träumt. Er sieht ein so genanntes Sozialaktionsforum im Internet, auf dem Menschen sich zusammentun um ein lokales Problem in Angriff zu nehmen.

Ich habe vor, eine Website einzurichten, auf der Sie Ihr Sozialaktionsforum regisitrieren können. Sie können Ihren Jahresplan erläutern, Ihre Vorstellungen festhalten, über enttäuschende und ermutigende Erfahrungen berichten, ihre Fortschritte schildern und Fotos zu Ihrem Projekt präsentieren. … Die Website steht allen interessierten Personen jederzeit offen, damit sie Kontakt zu den aktiven Foren aufnehmen können. … Gibt es in Ihrer Nachbarschaft ein verlassenes Grundstück auf dem Abfall abgeladen wird, der ein Infektionsherd ist? Gründen Sie ein Forum für die Sanierung dieses Grundstücks, um es als öffentlichen Park, Spielplatz oder Recyclingzentrum nutzbar zu machen. Wenn Sie in einem Entwicklungsland leben, kann das Aktionsprogramm für Ihr Forum darin bestehen, einem Bettler bei der Suche nach einem Arbeitsplatz … einen Schulabbrecher zur Fortsetzung seiner Ausbildung zu bewegen, einem kranken Menschen Zugang zu medizinischer Versorgung zu verschaffen oder … die Wasserqualität in Ihrem Dorf zu verbessern. … Manche Sozialaktionsforen werden klein bleiben … andere werden stetig wachsen, und einige werden sich in erfolgreiche Sozialunternehmen verwandeln …(277)

Diese Vision deckt sich in vielem mit der von betterplace. So musste ich bei Yunus’s Satz, manche Ideen könnten „weltweiten Einfluss … erlangen, indem sie innovative Ideen für die Bewältigung eines gravierenden Problems entwickeln,“ an unser WTO-Projekt denken, welches nach marktbasierten Lösungen sucht, dem weltweiten Sanitärnotstand entgegenzuwirken.

Fazit: Ein gut lesbares, eindrucksvolles Buch, dem man wünscht, dass es möglichst viele Menschen inspiriert ihr Geld und ihre Expertise in den Aufbau von Sozialunternehmen zu stecken.